DIE ZEIT: Herr Starke, es heißt, dass Sie und Ihre Hamburger Kollegen ein Meinungsmonopol beim Thema Jugend und Pornografie hätten und die Sache verharmlosten.

Kurt Starke: Ich halte einfach nichts davon, Jugendlichen etwas vorzuschreiben. Wenn sie sexuell explizites Material konsumieren wollen, sei es aus Neugier, zur Belustigung oder zur Masturbation, werden sie das tun. Es wäre eine Anmaßung und einfach auch sinnlos, hier Verbote auszusprechen. Alle Verbots- und auch Gebotsstrategien in der Sexualerziehung haben sich als kontraproduktiv erwiesen. Die ideale sexuelle Sozialisation verläuft nicht entlang von Verbotsschildern. Zuwendung und Achtung für die Kinder und Jugendlichen ja, Ratschläge und Hilfe auch ja – das müssen sie bekommen, wenn sie es wollen. Aber bestimmt keine Einmischung in ihre Sexualität. Der Vorwurf mit dem Meinungsmonopol ist irrational, und ich halte ihn für großen Quatsch. Ich arbeite eng mit den Hamburger Kollegen zusammen und bin sehr froh darüber. Was wir wollen, ist eine gründliche empirische Forschung und eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema.

ZEIT: Genau das wird aber offenbar nicht getan, weil die Hamburger Forschung zum Thema so dominant ist.

Starke: Es ist gut, dass es wenigstens an der Hamburger Uni noch eine sexualwissenschaftliche Forschung gibt. An der Universität Frankfurt am Main zum Beispiel wurde das Institut für Sexualwissenschaft unlängst geschlossen. Unsere Disziplin hat in Deutschland eine große Tradition, aber heute ist sie chronisch unterfinanziert, führt fast schon ein Schattendasein. Es heißt immer, wie wichtig das Thema Sexualität sei, dann wird aber durch fehlende Mittel und eine mangelnde Institutionalisierung der Sexualforschung wieder alles infrage gestellt. Wissenschaftler sollten sich nicht engstirnig begegnen und bekriegen, sondern sich gegenseitig unterstützen.

ZEIT: Sie persönlich standen in der Kritik, weil eine Ihrer Expertisen von der Pornobranche finanziert worden ist. Und Sie – oh Wunder – zu dem Ergebnis kommen, dass Pornografie keine schädlichen Auswirkungen hat.

Starke: Forschung muss bezahlt werden, als Freiberufler muss man auch noch von etwas leben. Das Entscheidende ist, dass man frei forschen kann, und ich bin all denen dankbar, die mir das ermöglichen. Dass der Auftraggeber Einfluss auf die Ergebnisse meiner Forschung nimmt, ist eine unverschämte Unterstellung. So etwas war in der DDR nicht mit mir zu machen und ist es auch jetzt nicht.

ZEIT: Es heißt, Jugendliche lernten von dem, was sie in Pornos sähen.

Starke: Liebe kann man nur lernen, indem man liebt, und Sexuelles muss man selbst erleben, konsumiertes Fremderleben ist da zu wenig. Nur Pornos zu betrachten macht niemanden zum Experten. Oder zum guten Liebhaber. Dazu ist die menschliche Sexualität viel zu komplex. Sie reduziert sich nicht auf den sexuellen Vollzug und auf Technisches. Wer in Darstellungen sexuellen Inhalts gute Anregungen für sich findet, sollte aber dafür nicht gescholten werden. Es ist völlig falsch, Jugendlichen zu unterstellen, sie würden nur das kopieren, was sie in Pornos sehen. Das würde schon rein praktisch nicht funktionieren. Aber vor allem haben Jugendliche ihr eigenes Ich – und kein Porno-Ich. Und wenn sie zu zweit sind und sich gern haben, ist sowieso alles ganz anders.

ZEIT: Mediziner, Psychologen und Sexualtherapeuten berichten aus ihrer Praxis aber sehr wohl davon, dass Patienten Pornos nachspielen wollen.

Starke: Ja, in der Sexualität wie in der Menschheit gibt es wirklich alles. Und es ist gut, dass sich Fachleute solchen Patienten zuwenden. Aber so wie Ärzte, Therapeuten und all diejenigen, die es mit einer konkreten Person zu tun haben, gelegentlich dazu neigen, den Einzelfall in seiner Verallgemeinerungswürdigkeit zu überschätzen, so versinkt leicht beim empirisch-quantitativ forschenden Soziologen der Einzelfall im statistischen All. Jeder Wissenschaftler hat seine Vorstellung von Pornografie, aber eine genaue Definition von Pornografie hat er nicht zur Hand. Die gibt es nämlich nicht. Wir wissen nur, dass Pornografie etwas mit Sexuellem zu tun hat und dass sie bei fast jedem Menschen irgendwelche Regungen hervorruft, auch bei denen, die sie nicht oder nur ganz wenig kennen. Na ja, und dass Pornografie ein allgemein negativ besetzter Begriff ist.

ZEIT: Und viele von ihnen sagen, dass Pornos gerade bei Jugendlichen einen Leistungsdruck schafften, der ihnen Angst mache.

Starke: Ja, das ist schon furchtbar bis furchterregend. Frauen, die immer wollen, und Männer, die immer können. Das männliche Glied als Standard und Standarte. Riesengroß. Da schauen die Jungs natürlich an sich herunter und fragen sich: Ist meiner normal, ist meiner groß genug? Aber mit solchen Dingen muss man fertig werden, zumal man bald merkt, dass Übergrößen nicht das Ausschlaggebende im Liebesleben sind. Wer seine Männlichkeit auf den Penis reduziert, ist arm dran. Es ist schon seltsam, wenn Pornos etwas vorgeworfen wird, was in jeder Kunst vorkommt, nämlich die Übertreibung. Und seltsam ist auch, dass der Leistungsdruck, dem Jugendliche vielfältig und massiv ausgesetzt sind, ausgerechnet an Pornos festgemacht wird.