Ein Schritt nach links, ein knappes Lächeln, es muss ja schnell gehen hier. Die Marketenderin ist jetzt halb verdeckt, immerhin bleibt vorne der Hauptmann gut zu sehen, schwungvoll scheint er aus dem Bild zu schreiten. "Okay, Mama", klick, der Nächste bitte. Halb Holland scheint vor Amsterdams Allerheiligstem zum Shooting aufzulaufen: Rembrandt van Rijns Die Schützenkompanie des Hauptmanns Frans Banning Cocq und des Leutnants Willem van Ruytenburgh, vulgo Nachtwache. Andere haben für dieses Gemälde, das im Rijksmuseum fast eine ganze Wand füllt, eine längere Reise unternommen. Gerade posaunt es auf Deutsch aus dem Gewimmel: "Is’ aber auch eine Leistung, so ein großes Bild!"

So groß, so lebendig, so Amsterdam. Keine Herrscher in statischer Pose sind zu sehen, sondern Männer voller Selbstbewusstsein und Dynamik. Männer, die im 17. Jahrhundert aus den Niederlanden eine unabhängige Republik machten und Amsterdam zur reichsten und freisten Handelsstadt des Kontinents – von Bürgern für Bürger erbaut, einnehmend harmonisch in ihrer vom Wasser umflossenen Kleinteiligkeit, aber ohne jeden Pomp.

Amsterdamer hegen ein großes Unbehagen gegen jede Form von Protzerei. Als vor ein paar Jahren bekannt wurde, dass das Rijksmuseum im Zuge der im vergangenen Jahr abgeschlossenen Renovierung ein repräsentatives Portal bekommen sollte, ging ein Aufschrei durch die Stadt. Das Portal hätte die Fahrrad-Durchfahrt unter dem Museum versperrt, und Amsterdam fand: So nicht! Die Kunst in Ehren, aber den Radverkehr sollte sie bitte nicht behindern.

Ursprünglich hing die Nachtwache in der Versammlungshalle der Bürgerwehr des 2. Bezirks im ältesten Teil der Altstadt, an der Nieuwe Doelenstraat. Jeder der dargestellten Schützen hatte dafür sagenhafte 100 Gulden gezahlt, billiger war der Maler nicht zu haben. Rembrandt van Rijn befand sich auf dem Höhepunkt einer Karriere, die knapp 40 Jahre später im damaligen Armeleuteviertel Jordaan endete. Vielleicht wird man auf seinen Spuren noch näher bekannt mit einer Stadt, in der Kunst- und Geschäftssinn einander noch nie ausgeschlossen haben. Und in der es auch sonst wenig Berührungsängste gibt.

Seine 26 besten Jahre verbrachte der Maler aus Leiden in dem Viertel rund um die Oude Kerk, Amsterdams ältestes Gebäude. Mit dem Fahrrad sind es vom Rijksmuseum aus acht Minuten, auf chronisch überfüllten Radwegen. Zügig fahren die Amsterdamer, Drängeln ist erlaubt. Aber bitte nicht klingeln! Das gilt hier als Rechthaberei.

Und schon ist man mitten in der Altstadt. Die Gegend kennt man als "Rotlichtbezirk", obwohl Sex hier nur eine Dienstleistung von vielen ist. Sexshops, die "Pure Lust" heißen oder "Caligula", grenzen an Kontore, deren Angestellte nicht mal den obersten Hemdknopf geöffnet haben. Die Museen für Erotik und Prostitution haben ihren Sitz gegenüber von Holzhandel Schmidt, fünfte Generation, nebenan reihen sich Läden mit handgenähten Schuhen und Gouda in allen Altersklassen.

Aus diesem über Jahrhunderte zusammengewachsenen Konglomerat von Konsumtrash, Handwerkertradition und Handelspatriziat erhebt sich unprätentiös und ein wenig füllig in den Hüften die Oude Kerk. 1634 bestellten Rembrandt und seine Braut Saskia hier ihr Aufgebot. Er ein aufstrebender Künstler, sie eine Schönheit aus friesischer Patrizierfamilie, beide verliebt und voller Tatendrang.

Den schlichten Südeingang, durch den sie getreten sind, muss man heute suchen, weil die Außenmauern der Kirche mit Wohn- und Geschäftshäusern zugebaut sind. Drinnen stolpert man über das Kassenschild: 7,50 Euro Eintritt. Die Kirche gehört einer Stiftung, ein Teil des Erlöses fließt in Kunstprojekte.

Der Innenraum ist fast vollständig kahl, seit die Reformation Bilder und Schmuckfenster hinausgefegt hat. Gottesdienste finden nur noch sonntags statt, unter der Woche wird gearbeitet. Gleich links neben dem Chor haben sich zwei Grafiker eingemietet. Durch ihre großen Atelierfenster schauen sie auf die prachtvolle Orgel. In der früheren Küsterwohnung rechts vom Altar zischt eine Espressomaschine. An den Tischen sitzen Touristen beim Apfelkuchen. Um die Mittagszeit bringt ein stämmiger Fahrer Minestrone, die eine Kooperative ehemaliger Prostituierter gekocht hat. Dann fährt er weiter, um auch jene zu beliefern, die den Ausstieg noch nicht geschafft haben und in den Gassen um die Oude Kerk auf Kundschaft harren.

Rembrandt hatte die Huren nach Hause geholt, um sie zu malen. In der Nieuwe Doelenstraat 20, gleich neben dem Versammlungsraum der Schützen von der Nachtwache, entstanden die Porträts der Amsterdamer Nobodys, die den Maler so bekannt machten, dass auch alles, was Rang und Namen hatte, zu ihm strebte. Rembrandt erfasste das volle Leben: mit Perlen geschmückte Bürgerinnen, Tuchhändler, Chirurgen bei der Arbeit und Frauen ohne Ehre, aber mit großer Würde.

Die Fassaden an der Nieuwe Doelenstraat sind mit uralten Studentenfahrrädern zugestellt, bis zur Universität sind es nur ein paar Straßen. In Rembrandts erstem Amsterdamer Quartier befindet sich das Café de Jaren. Hier ist alles hell und hoch und modern, durch die gläserne Fensterfront geht der Blick auf die Amstel: So müssen der Maler und seine Frau den Fluss gesehen haben, in einem ähnlich gleißenden Licht.

Rembrandt malte noch an der Nachtwache, als er 1639 diese vergleichsweise einfache Wohnung gegen ein vornehmes Kaufmannshaus an der Jodenbreestraat 4 tauschte. Dort, ein paar Hundert Meter Luftlinie Richtung Nordosten, liegt ein schönes Stück altes Amsterdam: drei Stockwerke Backstein mit großen Fenstern und roten Fensterläden. Het Rembrandthuis ist heute Museum.