Auf dem Schreibtisch stapeln sich sechs dicke Aktenmappen, sein Tagespensum. Im Kalender stehen für dieses Jahr rund hundert Vorträge. Und seit Carsten Linnemann im Rentenstreit der CDU den Rebellen gegen den Kurs der Parteiführung gab und die Flexi-Rente erfand, ist der 36-Jährige auch ein nachgefragter Talkshow-Gast. "Ich muss jetzt richtig ackern, ich muss klare Kante zeigen und gleichzeitig alle Leute mitnehmen", ruft Carsten Linnemann und reißt die blauen Augen hinter der Hornbrille weit auf.

Kürzlich war Linnemann bei VW, es ging um den Mindestlohn. Die Wirtschaft regt sich darüber auf, dass auch Praktikanten demnächst 8,50 Euro pro Stunde bekommen sollen. Dabei, sagt Linnemann, seien das größte Problem doch Auftraggeberhaftung und Arbeitszeitkonten: Künftig sollen Firmen dafür verantwortlich sein, dass auch ihre Subunternehmer Mindestlohn zahlen, und Arbeitsstunden sollen innerhalb von 12 Monaten ausgezahlt werden. Bei VW, so Linnemann, habe man davon noch gar nichts gewusst.

Seit Oktober 2013 ist der quirlige Abgeordnete aus Paderborn Chef der Mittelstandsvereinigung MIT in der CDU. Die MIT war mal wichtig in der CDU, in den letzten Jahren nahm sie kaum noch jemand ernst. Linnemann hat sich einiges vorgenommen: kontrolliert anecken, ohne sich in einer rituellen Fundamentalopposition zu vernörgeln. Positionen in der CDU wieder mehrheitsfähig machen, die eigentlich originär christdemokratisches Gedankengut sind. Und der Wirtschaft klarmachen, dass die CDU Lösungen für Probleme bereithält, von denen sie selbst noch gar nicht wusste. Alles das in einem Land und einer Partei, die mit sich und ihrer Kanzlerin ziemlich zufrieden sind.

Linnemann ist nicht allein. Er zählt zu einer wachsenden Schar von jungen Politikern in der CDU, die mehr umtreibt als der Ärger über einzelne Projekte wie Mindestlohn, Rente ab 63 oder Mietpreisbremse. Die Staats- und Regierungspartei CDU macht die Erfahrung, dass sie mit dem Regieren nicht mehr glücklich wird. Das Unbehagen begann am Wahlabend. Ungefähr zehn Sekunden habe der Jubel gedauert, erinnert sich Gesundheitsexperte Jens Spahn (34), einer der jungen CDU-Politiker, die gegen den Rentenplan und den Mindestlohn protestiert haben. Bis der kleine gelbe Balken in den Umfragediagrammen, der mal die FDP gewesen war, nicht mehr wuchs und klar war: Da fehlt etwas.

Es fehlt mehr als ein kleiner Koalitionspartner. Es fehlt die Antwort auf die Frage, was eigentlich der Anteil der CDU an der Regierung ist. Außer dass sie die Kanzlerin stellt. Denn Regieren bedeutet für die CDU nun schon in der dritten Legislaturperiode in Folge, Dinge durchsetzen zu müssen, die mit ihren originären Vorstellungen nichts mehr zu tun haben.

Wer der CDU am Ende der Ära Kohl prognostiziert hätte, dass sie einmal verantwortlich sein würde für Bankenverstaatlichung, Atomausstieg, Quotenregelung in den Führungsetagen der Wirtschaft und flächendeckenden Mindestlohn, wäre für verrückt erklärt worden. Der programmatische Bruch, der sich unter Merkel schleichend vollzog, die Erfahrung, eine eigentlich identitätsfremde Politik zu betreiben, wurde in der Partei erlebt, aber nicht verarbeitet. Die Kanzlerin mag weiterhin populär sein, das Unbehagen an der eigenen Politik gehört inzwischen zur Innenausstattung der Union.

Für die Jungen ist das mehr als ein demokratietheoretisches Problem. Sie ahnen, dass Merkels Art, Politik zu machen, eine Hypothek darstellt, die sie als ihre Erben bezahlen müssen. Nach der Wahl bekam die SPD das Arbeits- und das Wirtschaftsministerium und damit die beiden Ministerien, die für die wichtigsten Reformen des Koalitionsvertrags zuständig waren. Die CDU besetzt zwar weiterhin das Finanzressort, aber das unternimmt keine Reformen. Es sagt nur Nein, wenn die anderen zu viel ausgeben wollen. Das ist die Rolle der CDU in der Regierung. Man habe Steuererhöhungen verhindert und auf die Einhaltung der Schuldenbremse gepocht, antwortet der CDU-Abgeordnete Steffen Bilger auf die Frage, was die CDU der SPD entgegengesetzt habe. Er merkt selbst, dass das nicht richtig gut klingt.