Es war einmal: der Arabische Frühling. Eine große Hoffnung. Heute stehen ganze Regionen in Brand, von Libyen bis in den Irak. Ist das die Bilanz der Revolution?

Eine abgeklärte Antwort könnte lauten: So musste es ja kommen. Das ist der ewige Kreislauf von Stabilität, Erschütterung, Chaos und wieder Stabilität, nur manchmal unterbrochen von dem "gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen", wie es schon im Kommunistischen Manifest von Marx und Engels heißt.

Doch ewig ist da gar nichts. Mit den amerikanischen und französischen Revolutionen des 18. Jahrhunderts nämlich hat sich etwas verändert. Seither gilt das Wort des französischen Philosophen und Politikers Condorcet (1743 bis 1794): "Das Wort ›revolutionär‹ ist nur auf solche Revolutionen anzuwenden, deren Gegenstand die Freiheit ist." Von nun an hatte die Geschichte, wenn nicht eine Richtung, so doch die Tendenz, immer wieder die eisernen Tore der Diktaturen aufzusprengen. In Europa beispielsweise begann eine Reihe von Freiheitsrevolutionen und Konterrevolutionen, von Diktaturen und, schließlich, Demokratien. Lange hat’s gedauert, viele hat es verschlungen, aber dass dafür das Wort "Fortschritt" verwendet werden darf, wer wollte es am Ende bestreiten?

Und wieso sollte er anderswo unmöglich sein? Ob nun der Islam die Gedanken beherrscht oder das Christentum, die meisten Menschen haben unabhängig von allen Glaubenssystemen ein Gefühl für Ungerechtigkeit und dafür, wann der Punkt erreicht ist, an dem ihr Leben ohne Würde ist. Wenn sich dieses Gefühl akkumuliert und das Wissen hinzukommt, dass ein besseres Leben möglich ist, kann ein Funke genügen, und das alte System wird erschüttert, wie von einem Naturereignis.

Niemand sollte daher glauben, dass sich Revolutionen vermeiden ließen, indem der Deckel auf den Dampftopf gepresst wird. Der Tunesier Ben Ali, der Libyer Gaddafi, der Ägypter Mubarak, keiner dieser angeblichen Garanten der Stabilität hat die Erhebung seines Volkes verhindern können.

In Libyen und Ägypten folgten darauf Wochen der Gewalt. Noch heute verfolgen uns die Bilder, die zeigen, wie Gaddafi gelyncht wurde. Dieser Tage kursieren wieder Fotos von Massakern. "Je niederträchtiger der Unterdrücker, desto infamer der Sklave", schrieb der Schriftsteller François-René de Chateaubriand, auch er ein Augenzeuge der Französischen Revolution. Stimmt schon. Ob damals in Europa oder heute in Arabien, auf Tyrannei folgen Mord und Willkür.

Und doch ist das nicht alles. Unterdrückt und unwürdig zu leben, das ist eine Lebensweise oder, wenn man so will, eine ganze Welt. Aufzubegehren, um mit alledem Schluss zu machen, ist auch eine. Revolution ist auch ein privates Ereignis. Wer es einmal erlebt hat, wird es nie mehr vergessen. Er mag beispielsweise den Arabischen Frühling angesichts der Grausamkeiten, wie sie dieser Tage begangen werden, im Nachhinein verfluchen, aber die Erinnerung an diesen Moment bleibt und wird an nachfolgende Generationen weitergegeben. Sie werden es anders machen, bis ein erträglicher Zustand erreicht ist und die Geschichte in ruhigere Gewässer eintreten kann, so wie wir sie kennen.

Überhaupt – "wir". Wir Bürger der Demokratien, in denen es uns vergleichsweise gut geht. Wie sollen wir Revolutionen in anderen Weltgegenden begegnen? So wie Wilhelm Busch in Max und Moritz – "Aber wehe, wehe, wehe! / Wenn ich auf das Ende sehe!"? Zunächst einmal dürfen wir nicht wieder die Tyrannen stützen, weil sie angeblich Stabilität garantieren. Sie tun es nicht. Und wir sollten Revolutionen so fördern, wie wir es am besten können, mit Ideen. Und ja, auch mit Geld.

Das garantiert zwar nicht das Ausbleiben von Katastrophen. Aber unausweichlich sind sie ebenso wenig. Es war einmal der Arabische Frühling? Es ist immer noch: Tunesien, wo alles begann und das sich bis heute gehalten hat.