Es sind zwar noch über zwei Jahre, bis die Amerikaner ihren nächsten Präsidenten wählen. Aber Hillary Clinton wird schon seit Monaten nicht nur von ihren Erzfeinden auf der Rechten behandelt, als sei sie längst Kandidatin, mit Gerüchten über einen Hirntumor und zunehmende Omahaftigkeit. "Golden Girl" nennen sie die Republikaner, weil Mrs. Clinton 69 Jahre sein wird, wenn 2016 gewählt wird. Doch solange die frühere Außenministerin sich nicht öffentlich erklärt, lenken die Republikaner damit die Aufmerksamkeit eher auf den eigenen Mangel an Kandidaten – was wiederum die Demokraten erfreut.

Mit ihrem 900-Seiten-Band Entscheidungen zieht Hillary Clinton diesen Zustand genüsslich in die Länge. Das Buch ist ein interessanter Werkstattbericht, der zeigt, wie sich Amerikas Außenpolitik in der neuen multipolaren Welt zu orientieren versucht hat – geordnet nach Problemzonen von Peking bis Jerusalem. Man hat Clinton verschiedentlich vorgeworfen, keine Doktrin hervorgebracht zu haben, keinen Marshallplan, keine Sensation wie einst Richard Nixons Besuch in China. Dabei hat Clinton die meiste Zeit damit verbringen müssen, die Folgen von zu viel Doktrin in den Jahren nach 9/11 auszubügeln: zuzuhören, nachzufragen, zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen. 129 Länder besuchte sie dafür und flog eine Million Meilen.

Viele Leser haben gleich zu der Stelle geblättert, wo vom Irakkrieg die Rede ist. Clinton, die sich als außenpolitischer Falke darstellt, hat die Entscheidung für den Krieg schon 2008 bereut – es damals aber aus taktischen Gründen nicht gesagt. "Ich vermied das Wort ›Fehler‹ ", räumt sie nun ein. "Grund dafür war nicht etwa politischer Opportunismus, sondern dass Wähler und Presse nur darauf warteten, es von mir zu hören. (...) Ich handelte damals in gutem Glauben (...). Und ich war nicht die Einzige, die dieser Fehleinschätzung unterlag. Trotzdem lag ich schlicht und einfach falsch."

In dieser Passage offenbaren sich die Schwächen der Außenpolitikerin Clinton, die sich durch das detailgesättigte, anekdotenreiche Buch ziehen. Was ist ihre Haltung zum "Krieg gegen den Terror"? Was genau war falsch an der Bush-Doktrin? In ihrer Wut und Angst vor dem "reaktionären Medienkartell", von dem sich die Clintons bereits seit den neunziger Jahren gehetzt fühlen, wagt sie keine eigene Einschätzung. Wenn Hillary Clinton sich schon als freie Autorin so einschüchtern lässt – wer sollte glauben, als Präsidentin würde sie beherzter handeln? Ihrem Polit-Glamour tut das aber keinen Abbruch. Ein Clinton-Film ist in Arbeit, eine Mehrheit der Demokraten sieht sie längst als Kandidatin. Was soll da noch schiefgehen?

Die größte Gefahr für Hillary Clinton kommt aus Oklahoma und heißt Elizabeth Warren, Harvard-Juraprofessorin und seit 2013 demokratische Senatorin für Massachusetts. Die Tochter einfacher Leute aus dem amerikanischen Kohlenpott spricht so, wie es sich in ihrer Partei seit Jahren niemand mehr traute: wütend, direkt, frech. Wo Clinton die vernünftige, wahltaktisch richtige Kandidatin wäre, spricht die zornige Warren vielen Demokraten aus dem Herzen. Denn ein Teil der Partei hat in der Finanzkrise wieder zu einem Ton zurückgefunden, den viele Amerikaner radikal nennen würden, zu einem linken Populismus, der in Deutschland mit seinen vier sozialdemokratischen Parteien von CDU bis Linke als Common Sense durchgeht. Seit Warren kürzlich mit dem neuen Starökonomen Thomas Piketty auftrat, spricht plötzlich auch Hillary Clinton häufig von Ungleichheit, obwohl sie eigentlich als Freundin der Wall Street gilt. Erst im vergangenen Jahr redete sie gegen ein Honorar von 200 000 Dollar auf einer Soiree der Investmentfirma Goldman Sachs, angeblich abfällig über Versuche der Bankenregulierung. Als Clinton 2008 Präsidentin werden wollte, ging es um das Schlamassel im Irak und den neuen Polit-Star Barack Obama. "Dieses Mal", so schreibt The New Republic, "wird es um die Macht der Reichen in Amerika gehen, und diese Debatte – viel mehr als die Außenpolitik – trifft den Kern der Demokratischen Partei: wofür sie steht und wen sie repräsentiert."

Ist Amerika auf dem Weg, eine Oligarchie zu werden? Elizabeth Warren sieht es so, Hillary Clinton ganz sicher nicht. Man hört bei Warren die Rhetorik des New Deal der dreißiger Jahre wieder, vom Gesellschaftsvertrag, vom Zusammenhalt, von der Entfremdung zu Washington. Angeblich sind für Warrens Kommunitarismus besonders Frauen empfänglich – bislang immer eine sichere Bank Clintons.

In A Fighting Chance (Metropolitan Books) beschreibt jetzt die 64-jährige Warren auf hemdsärmelige, fesselnde Weise den Weg, der sie dann doch aus Oklahoma ins verhasste Washington führte – über den arbeitslosen Vater, ihren Aufstieg via debating team und Tellerwäscher-Jobs bis nach Harvard. Es folgen Babys, kranke Hunde, eine Scheidung und schließlich der traumhafte Einzug in den Senat, auf den Platz des Demokraten-Urgesteins Ted Kennedy. Interessant ist der zeithistorische Hintergrund, vor dem sie ihr Leben schildert: Seit den dreißiger Jahren hatte es in Amerika keine große Wirtschaftskrise mit massenhaftem Verlust an Sicherheit mehr gegeben. In den USA wuchs vielmehr die größte Mittelschicht in der Geschichte der Menschheit heran. Dann kam jedoch die Deregulierung der achtziger Jahre. Je mehr Druck die Banken auf den Kongress ausübten, mit Millionen von Dollar für die Lobbyarbeit im Kongress, desto mehr Familien kamen unter die Räder, zogen aus ihren Häusern in ihre Autos und von da oft auf die Straße. So war es auch Warrens Familie ergangen. Deshalb kämpfte sie für eine staatliche Verbraucherschutzbehörde, die Bankkunden vor Wucherzinsen und faulen Krediten schützt.

Es waren dann die New Democrats unter Bill Clinton, die energisch an der Deregulierung weiterarbeiteten. Wie europäische Sozialdemokraten auch wollten die amerikanischen Demokraten nach etlichen Wahlniederlagen damals durch Rückschnitt des Sozialstaats, Patriotismus, muskulöse Außenpolitik aus dem Tief kommen. Noch 2005 stimmte Hillary Clinton mit einigen anderen Demokraten für eine weitere Deregulierung jenes Insolvenzrechts, für das Warren kämpfte.

Elizabeth Warren hat keine Chance, selbst Präsidentin zu werden. Aber der Druck, den sie ausübt, könnte zu einer paradoxen Situation führen: Während der Präsident Clinton den Wall-Street-freundlichen New Democrats zur Macht verhalf, muss Präsidentin Clinton womöglich ihre Macht nutzen, um sie wieder loszuwerden.


Hinweis der Redaktion, 3. Juli 2014: In der vorherigen Fassung war der Name Jochen Schwarzer falsch geschrieben. Wir haben das nun korrigiert.