Die Dichterin Amal Ibrahim hat verlernt, Angst zu haben. "Wer Überlebenstraining braucht, soll nach Bagdad kommen", sagt die 44-Jährige lächelnd. Sorgfältig hat sie ihre Augen geschminkt, das beige Kostüm sitzt perfekt, ihr Kopftuch hat sie mit einer eleganten Brosche zusammengesteckt. Amal lebt am Ostufer des Tigris, wo viele schiitische Mittelklassefamilien ihre Häuser gebaut haben. Sie arbeitet als Übersetzerin im Büro des irakischen Ministerrats, außerdem schreibt sie Gedichte. Am vergangenen Samstag ist Amal auf dem Weg zu einer Lesung ins Kulturhaus, einem Treffpunkt der Künstlerszene.

Sie erinnert sich an die Zeit, als sie sich nicht so frei bewegen konnte. Als Schiiten wie sie nicht studieren durften und der Diktator Saddam Hussein, ein Sunnit, sie drangsalierte und verfolgte. An die Ermordung ihres Vaters im Jahr 1980, der sich geweigert hatte, im ersten Golfkrieg gegen seine Glaubensbrüder im Iran zu kämpfen. An den Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten, der nach dem Sturz Saddams im Jahr 2006 ausbrach und drei Jahre lang anhielt. Nachbarn ermordeten Nachbarn, Amal zog dreimal um.

Aus diesen Jahren stammen die Gedichte, die Amal landesweit berühmt gemacht haben. Eines davon lautet so: Grauenhaft – die Zeitrechnung, die die Ewigkeit umspannt. Die Tage, die folgten auf meinen Schmerz, sie nehmen endlich eine Wendung. Es wird bald einer kommen, der neue Wasser mit sich führt.

In diesen Tagen scheint es, als könnte der Bürgerkrieg nach Bagdad zurückkehren. Die sunnitische Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) hat in kurzer Zeit ganze Landesteile erobert, vor allem im Nordirak. Ihr nächstes Ziel ist die Hauptstadt Bagdad.

Amals Mutter fürchtet sich davor. Sie hat Angst, dass sich die Vergangenheit wiederholen könnte und reihenweise Schiiten wie sie umgebracht werden. Das ist vor allem die Sicht der älteren Generation. Doch Amal glaubt nicht, dass Isis Bagdad einnehmen kann. "Wir sind einfach zu viele hier, die das nicht mehr haben wollen", sagt sie.

Seit der höchste schiitische Geistliche des Landes, Großajatollah Ali al-Sistani, die Gläubigen zum Kampf gegen die Terroristen aufgerufen hat, strömen Freiwillige aus dem schiitischen Süden hierher. Sie treffen sich in einem nördlichen Außenbezirk, wo Militär und Polizei einen Sicherheitsring mit Checkpoints errichtet haben. Besonders streng sind die Kofferraum- und Identitätskontrollen an den Hauptstraßen nach Mossul und Kirkuk.

Wenn Bagdad fiele, wäre es auch mit der Regierung von Premierminister Nuri al-Maliki vorbei. Der schiitische Regierungschef war 2006 mit dem Anspruch angetreten, die unterschiedlichen Volksgruppen zu versöhnen. Doch seit er im Amt ist, hat er den Irak gespalten wie kein anderer. Seit dem Abzug der Amerikaner Ende 2011 erlebt das Land eine politische Dauerkrise. Vertreter der Kurden und Sunniten haben Malikis Regierung verlassen, sogar mit seinem schiitischen Koalitionspartner hat er sich zerstritten.

"Sollte Maliki eine dritte Amtszeit antreten, dann gibt es hier Bürgerkrieg", prophezeiten politische Beobachter in Bagdad schon vor dem 30. April, dem Tag der Parlamentswahl. Auch im deutsch-irakischen Wirtschaftsbüro war man sich einig, dass Maliki endgültig gehen müsse, da er es sich mit allen verscherzt habe.

Amal, die Dichterin, ist ebenfalls für einen Regierungswechsel; sie will eine Regierung, die allen Gruppen des Volkes zu ihrem Recht verhilft. Ihre Mutter hingegen ist unbedingt für Maliki. Unter seiner Herrschaft hat sich ihr Leben verbessert: Hinterbliebene von Ermordeten erhalten bevorzugt Stellen im öffentlichen Dienst, sie kommen an vergünstigte Kredite zum Hausbau, und eine Witwenrente gibt es für diese Gruppe auch.

Die sunnitische Bevölkerung hingegen wurde von Maliki vernachlässigt, als gehöre sie nicht zum Irak. In der westlich gelegenen Provinz Anbar, die an Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien grenzt, protestierten die mehrheitlich sunnitischen Einwohner deshalb ein ganzes Jahr lang friedlich für mehr Rechte, bessere öffentliche Einrichtungen und gegen die Korruption. Geändert hat sich für sie nichts.