Knapp unterhalb des Himmels thront dieser Ort, und wer aus dem Tal hinaufschaut auf den sanft sich emporschwingenden Hügel, der versteht, weshalb man diesem 2000-Seelen-Nest Pienza verfallen kann. So erging es dem jetzt viel zu früh verstorbenen Kunsthistoriker Andreas Tönnesmann, als er Ende der achtziger Jahre diesen toskanischen Ort, gelegen zwischen Siena und Montepulciano, erforschte. Der wohl schillerndste Renaissancepapst wurde hier geboren: Enea Silvio Piccolomini (1405 bis 1464), Jurist und Dichter, gelehrter Humanist und Verfasser galanter Schriften, war seit 1449 Bischof von Siena. Nachdem er 1458 plötzlich Papst wurde, erfüllte er sich als Pius II. einen Traum: den Umbau seines Geburtsortes Corsignano zur idealen Renaissancestadt, die er prompt nach sich selbst benannte – Pienza. Tönnesmann schilderte dieses grandiose Projekt, das Pius sich vom Florentiner Baumeister Bernardo Rossellino entwerfen ließ, 1990 in einer spannenden Habilitationsschrift, die jetzt als reiseführertaugliches Taschenbuch neu aufgelegt wurde: So leicht, so klug, so glänzend kann Wissenschaft tatsächlich klingen!

Tönnesmann lehrte an der ETH Zürich und gehörte zu den originellsten deutschen Kunsthistorikern; von herkömmlichen intellektuellen Grenzen ließ er sich nicht einschränken. Seine so scharfsinnige wie amüsante, 2011 erschienene Kulturgeschichte des Brettspiels Monopoly – auch eine Stadtfantasie! – war dafür ein besonderes Beispiel. Die ganze Bandbreite seiner Interessen, vor allem in der Architektur, kann man jetzt in einem Essayband wiederfinden (Die Freiheit des Betrachtens. Schriften zur Architektur, Kunst und Literatur; gta Verlag, Zürich 2013; 648 S., 68,– €): Natürlich hat die Renaissance in diversen Variationen ihren Auftritt, aber auch die Moderne mit Le Corbusier und Scharoun. Wer also demnächst mal wieder in die Toskana aufbricht, der sollte einen Abstecher nach Pienza machen und mit dem Tönnesmann-Büchlein unter dem Arm über den abendlichen Corso spazieren, den Palazzo Piccolomini und die Kathedrale bestaunen – und bei ihrem Glockenklang erfüllten und unerfüllten Träumen nachsinnen.