Ein Anruf bei der Pressestelle eines großen deutschen Buchverlages könnte folgenden Verlauf nehmen:

"Guten Tag, ich bin Ursula März vom Feuilleton der ZEIT, ich habe Ihnen vor ein paar Wochen eine Mail geschrieben, ob Sie mir ein Rezensionsexemplar des Buches Das Pubertier von Jan Weiler schicken könnten. Da hat es eine kleine Verwechslung gegeben."

"Oh, das tut mir leid, was wurde denn verwechselt?"

"Also, ich wollte eigentlich das richtige Buch, aber Sie haben mir versehentlich das Werbe-Booklet geschickt."

"Bitte, was haben Sie bekommen?"

"Na, Sie wissen vielleicht, was ich meine, so einen kleinen Probeauszug, den Verlage als Werbung vorab verschicken."

"Jaja, ich weiß, was Sie meinen, aber bei Jan Weiler gibt es kein Booklet. Ich schaue gerade mal nach, wann wir Ihnen den Weiler geschickt haben. Der ist, Momentchen, am 23. Mai an Sie rausgegangen. Hat sich Ihre Adresse geändert?"

"Nein, ich ziehe nie um. Ich hab auch Post bekommen, aber eben nur so ein kleines Büchlein, ›Jan Weiler‹ und ›Das Pubertier‹ steht auch drauf, es ist genau einen Zentimeter dick und so groß wie meine Handfläche."

"Jetzt kommen wir der Sache näher, liebe Frau März: Das ist das Buch!"

"Ach."

"Ich weiß jetzt nicht, wie wir Ihnen weiterhelfen können, haben Sie denn mal reingeschaut in den Weiler?"

"Ja, ich hab’s auch schon gelesen."

"Na, das ist ja wunderbar, und, wenn ich fragen darf, hat es Ihnen denn gefallen?"

"Auf alle Fälle, ich habe mich sehr amüsiert, man liest es ja auch wirklich schnell. Ich habe spaßeshalber auf die Uhr geschaut, ich hab genau 77 Minuten gebraucht."

"Das ist doch wunderbar!"

"Na ja, ich war schon ein bisschen verwirrt, ich habe auch mal die Zeichenzahl ausgerechnet, also der Buchtext hat rund 90.000 Zeichen."

"Ich verstehe Sie, liebe Frau März, aber der Umfang sagt ja nie etwas über die Qualität, oder?"

"Absolut! Ich meine nur, 90.000 Zeichen, das ist schon relativ wenig, das ist weniger als das ganze Feuilleton der ZEIT, und da bekommen Sie für 4,50 Euro noch den Politikteil, den Wirtschaftsteil, den Reiseteil, das Magazin, den Wissensteil und was weiß ich. Und das Buch von Weiler kostet zwölf Euro!"

"Ja, liebe Frau März, billiger kann man ein gebundenes Buch heute nun mal nicht machen. Sie haben ja sicher auch die wunderbaren Illustrationen von Till Hafenbrak gesehen. Haben die Ihnen denn gefallen?"

"Ja, ganz prima, die sind wirklich toll. Ich finde kleine Bücher generell toll. Ich bin nur verwirrt, weil eigentlich immer besonders dicke Bücher oben auf der Bestsellerliste stehen. Momentan die Riesenschinken von Schätzing und Donna Tartt, die haben über zwei Millionen Zeichen. Und jetzt steht der kleine Weiler seit Wochen ganz oben, ich seh da gar kein System."

"Also das geht uns ganz genauso. Wir sagen hier jeden Tag: Der Buchmarkt ist total unüberschaubar geworden!"