Niemand lässt sich hier zweimal bitten, das improvisierte Rednerpodium zu betreten. Allein die Vorstellungsrunde dauert über eine Stunde: Da ist Lorenz, der wortreich all seine Vereinsmitgliedschaften aufzählt. Da ist Christian, der exakt 50 Jahre nach seinem Großvater Bürgermeister in derselben Gemeinde wurde. Da ist Ulrike, die lieber Uschy genannt wird. Und da ist Friederike, die als einzige Norddeutsche zwischen bayerischem Dialekt und Karohemden besonders hervorsticht.

Die insgesamt zwölf Teilnehmer der Fortbildung für neu gewählte Bürgermeister in Bayern haben an einer kleinen Tischrunde im Tagungsraum des Hotels Schönblick Platz genommen. Drei Tage lang wollen sie sich hier in Neumarkt in der Oberpfalz das Rüstzeug fürs Rathaus aneignen. Mit Filzstiften haben sie ihre Vornamen auf kleine Täfelchen geschrieben. Während der Seminartage duzt man sich – das sei gut für die Gruppendynamik, erklären die beiden Referenten.

Die meisten hier im Raum wurden bei den bayerischen Kommunalwahlen im März zu Bürgermeistern gewählt. Seit ein paar Tagen sind sie offiziell im Amt. Politische Profis sind sie allerdings nicht. Lorenz ist von Beruf kaufmännischer Angestellter, Christian ist Lehrer am örtlichen Gymnasium, Uschy ist Reisebürokauffrau, und Friederike ist gelernte Buchhändlerin und Fitnesstrainerin.

Der Weg ins höchste kommunale Amt ist in den einzelnen Bundesländern höchst unterschiedlich. Während in Baden-Württemberg 80 Prozent der Bürgermeister von der Hochschule für öffentliche Verwaltung kommen, dominieren in Bayern Quereinsteiger, deren Weg oft über Vereinsmitgliedschaften, einen prominenten Posten im Dorf oder ein paar erfolgreiche Jahre als Gemeinderat führt. Damit sie den Auftrag ihrer Wähler kompetent erfüllen können, bietet die KommunalAkademie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) Seminare wie das in Neumarkt in ganz Bayern an. Auch die Gemeinde- und Städtetage der Bundesländer organisieren Fortbildungen.

Das höchste Amt im Dorf erfordert mehr als gelegentliches Händeschütteln und Mitschunkeln im Festzelt. "Ein Bürgermeister repräsentiert seine Gemeinde nach außen, er hat den Vorsitz des Gemeinderats inne, und er leitet die Verwaltung", erklärt der Kommunalpolitik-Experte Hans-Georg Wehling von der Universität Tübingen. Die Anforderungen an Bürgermeister seien in den letzten Jahren immer komplexer geworden: "Brüssel reicht bis in die bayerische Gemeinde hinein." Wer als Bürgermeister nicht wisse, dass große Bauprojekte EU-weit ausgeschrieben werden müssen, wer keinen Haushaltsplan lesen könne oder die Geschäftsordnung des Gemeinderats nicht kenne, der sei auf dem Chefsessel im Rathaus am falschen Ort.

Das wissen auch die Bürgermeister-Neulinge im Seminar in Neumarkt. Jeden hier drückt nach der Freude über die gewonnene Wahl eine andere Sorge: Uschy will wissen, wie man mit Unruhestiftern in den Gemeinderatssitzungen umgeht; Christian fragt sich, was er bei der konstituierenden Sitzung in wenigen Tagen beachten muss. Aber auch vermeintlich triviale Fragen beschäftigen die neuen Ortschefs: Ist es ratsam, eine Gemeinderatssitzung auf einen Abend zu legen, an dem die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt? Wie viel Dialekt ist als Kommunalpolitiker bei öffentlichen Auftritten angebracht?

Die Seminarleiter Thomas Purucker und Jürgen Heckel sind erfahrene Kommunikationstrainer und Experten der Kommunalpolitik. Geduldig beantworten sie Frage um Frage. Sie erklären, was einen Sachantrag im Gemeinderat von einem Geschäftsordnungsantrag unterscheidet und welche Regeln es bei der Erstellung der Rednerliste zu beachten gibt. Damit die Bürgermeister ihre Projekte den Bürgern auch nahebringen können, beschäftigt sich ein großer Teil des Seminars mit Präsentationstechniken. Auf einem Flipchart illustrieren die Referenten die goldenen Regeln der Rhetorik, die die Teilnehmer gleich in der Praxis ausprobieren sollen.