Die Wissenschaft kann heute bereits alles erklären. Das freut uns natürlich, weil solche Erklärungen ungemein beruhigen, selbst wenn sie auf Irrtümern beruhen sollten. Hauptsache, ein grübelnder Geist erhält einen Weg gewiesen, der ihn aus dem Gedankenlabyrinth führt. Seit Kurzem gibt es endlich eine wissenschaftliche Expertise über das ephemere Gut des Glücks, die enorm weiterhilft. Ausschlaggebend ist es dieser Theorie zufolge, den mentalen Fokus tief nach innen zu richten, denn wahres Glück wohnt ausschließlich in einem selbst. Nicht irgendwo draußen im wuselnden Leben. Vergessen sollte man also all die Dinge, die gemeinhin mit Glücksgefühlen in Verbindung gebracht werden: Naturidyllen, Frauen und Männer (je nachdem), Tafelfreuden, ein stattliches Domizil, flotte Flitzer und ähnlichen Schnickschnack des täglichen Lebens. Eben all jenen Tand, der den Menschen von seinem wahren Ich ablenkt. Es seien, sagt die Wissenschaft, die guten Gefühle, nach denen man sich sehnt. Hey! Welch tiefe Erkenntnis. Aber auch die negativen Gefühle seien irgendwie immer da, und man müsse lernen, damit umzugehen. Aber hallo! Wer hätte das gedacht? Natürlich gibt es aber auch auf diesem steinigen Pfad zum Glück brauchbare Tipps, die helfen, das ersehnte Ziel zu erreichen. Zum Beispiel solle man stets darauf achten, sich selbst zu loben – ob nun berechtigt oder nicht, macht keinen Unterschied. Das scheint allerdings keine wirklich ganz neue Strategie zu sein. Fast jeder Politiker ist beispielsweise den lieben guten Tag lang mit nichts anderem beschäftigt, als sich selbst in möglichst strahlendes Licht zu tauchen – schon allein deshalb, weil es verlässlich niemand anderer tut. Bei all der unentwegten Selbstbeweihräucherung muss man sich daher Kanzler und Vizekanzler als besonders glückliche Menschen vorstellen, Sisyphos kann bei diesem Bad in purer Euphorie nicht mithalten. Ein anderer Königsweg zum Glück sei es, Musik zu hören – gleichgültig, ob klassisch oder volkstümlich. Das verblüfft allerdings. Wer schon einmal, an einen Stuhl gefesselt, gezwungen war, ein Frühlingsfest der Volksmusik mit dem freudestrahlenden Florian Silbereisen mitzuerleben, kann von vielen Gefühlen berichten, Glück ist aber äußerst selten dabei. Auch körperliche Bewegung soll nach einer Endorphinexplosion zu einem wahren Glücksrausch führen, ebenso die Offenheit Neuem gegenüber. Zum Glück wurde dabei kein Gemeinplatz gescheut. Auch Dankbarkeit sei ein wesentlicher Faktor. Die hat sich bereits eingestellt. Nämlich Dankbarkeit einer Wissenschaft gegenüber, die erklärt, was man ohnehin schon weiß. Das steigert das Selbstbewusstsein, man hält sich für vifer, als man ist. Und das macht richtig glücklich.