Trotzig für das Leben

Als Rezensent liest man meist mit Bleistift und streicht am Seitenrand jene Sätze und Passagen an, aus denen man vielleicht zitieren wird. Was nützt uns diese gewohnte Praxis aber in diesem Fall? Was soll es einem helfen, schöne Zitate wiederzufinden, wenn auf jeder Seite drei Stellen fett angestrichen sind?

Um es vorwegzunehmen: Wenn der Hanser Verlag in dieser Saison nur dieses eine Werk veröffentlicht hätte, Canettis Buch gegen den Tod, er hätte seinen Job getan. Durfte er es aber überhaupt veröffentlichen? Hat dieses Zusammenfügen von hinterlassenem Material, oft gegen den ausdrücklichen Wunsch des Autors, nicht unangenehm zugenommen in der letzten Zeit? Aber Hanser durfte. Die Vorgabe und Erlaubnis für die posthume Sammlung findet sich in einer Bemerkung von 1987. Vielleicht würde es genügen, schreibt Canetti da, alle seine noch unpublizierten Aufzeichnungen über den Tod in chronologischer Folge aneinanderzureihen. Ebendies ist, nach gründlichem Durchsieben, in Form dieses Bandes geschehen. Und wir dürfen die Fanfaren erheben und annoncieren: Neben Masse und Macht liegt endlich Canettis zweites essayistisches Opus magnum vor.

Er hatte ihn schon immer auf dem Kieker: Seit dem frühen Tod des Vaters war er, der Tod, Canettis Lebensthema. Das Buch gegen den Tod war das große Buch, an dem er bis zuletzt schrieb und das er doch nie eigentlich begann. Was soll das aber sein, eine Schrift gegen den Tod? Ist sie nicht so sinnlos wie ein Pamphlet gegen die Schwerkraft oder ein Manifest zur Abschaffung des Winterfrosts? Diese erste Frage, die Frage des achselzuckenden "Was soll’s?", wird man an dieses Buch nicht lange herantragen. Canetti weiß, dass er den Tod nicht abschaffen kann. Wogegen er Tag für Tag mit zehn frisch gespitzten Bleistiften ankämpft, ist nicht die Tatsache des unvermeidlichen Todes, sondern unser Arrangement mit ihm, dem größten Skandalon der Existenz. Canetti will, dass wir uns nicht damit abfinden, dass wir nicht unsern faulen Frieden mit ihm schließen, dass wir uns über das Unfassbare und Monströse nicht verlogen hinwegtrösten. Wo er auf solche versöhnlerischen Töne stieß, konnte er, selbst nicht frei von monströsen Zügen, älteste Freundschaften aufkündigen. Keine Geistesgröße ist vor seinem Bannfluch gefeit. Zum Beispiel Schopenhauer: Zunächst billigt Canetti ihm zu, den Tod nur zum Schein anzunehmen und nur als List gegen ihn; in seinem Innersten bleibe er ihm tief abgeneigt, was sich in seiner Art zu schreiben verrate. Aber dann hagelt es doch Vorwürfe: Schopenhauer sei letztlich bestochen vom Tod und nur darum kein nützlicher Gegner, weil man sich dann besser gleich die Inder vorknöpfe.

Was waren seine Motive für den lebenslangen Todeshass? Er selbst wendet sie hin und her. Alles, was man gegen seinen donquichottesken Kampf einwenden kann, trägt er selbst vor. Ist es bloßer kindlicher Trotz? Geht es nur um ihn und sein Leben, das er nicht verlieren will? Nein, schwört er, um ihn gehe es ihm dabei nicht. Ist es ein Damm gegen seine Selbstzerstörungssucht, dass er immer gegen den Tod wettern muss? Ist es Paranoia? Ist er vom Tod besessen, weil er bis ins hohe Alter hinein nie auf eine Geburt hingelebt hat? Und wird sein Wüten gegen den Tod nicht mit den Jahrzehnten langweilig? Wird er am Ende doch klein beigeben? Schon ein Testament schreiben heißt dem Tod den kleinen Finger reichen. "Großmaul, stirb!", ruft er sich selbst zu, nichts hat er ausgerichtet gegen seinen Feind. Schon früh gesteht er sich ein, er wisse, dass der Tod schlecht sei, aber nicht, wodurch er zu ersetzen wäre. Und ganz am Ende finden wir das denkbar erschütterndste Resümee: Er komme allmählich darauf, dass nichts vulgärer, banaler, trivialer, demagogischer sei als sein Kampf gegen den Tod ... Dennoch, auch wenn er begonnen habe, sich für ihn zu schämen, führe er diesen Kampf unverdrossen weiter. Wer sich der Erfahrung des Todes zu früh geöffnet habe – er ist sieben, als der Vater stirbt –, der könne sich nie wieder vor ihr verschließen, es sei "eine Wunde, die wie zu einer Lunge wird, durch die man atmet".

Natürlich, ein bisschen Paranoia ist im Spiel. Er glaube manchmal, die Welt werde sich in Nichts auflösen, sobald er den Tod anerkenne, heißt es einmal; da steht dann am Seitenrand "Spinner". Der Prophet Elias, schreibt er ein anderes Mal, habe den Todesengel bezwungen. "Immer unheimlicher wird mir mein Name." Da half aber auch der Vorname nicht, den Todesengel hat dieser Elias nicht besiegt. Eher hätte er Ahab heißen können, der früh von Moby Dick verletzt wurde, ihn seither jagt und am Ende von ihm unters Wasser gezogen wird.

"Als Teufel ist Gott wirklich unsterblich"

Den weißen Wal hat er dann doch nicht erlegt. Aber was für ein Beifang! Was steckt nicht alles in diesem Wunderwerk, auch wenn man seine Prämisse unhaltbar fände – Bruchstücke einer Anti-Theologie ("Als Teufel ist Gott wirklich unsterblich"), Bemerkungen über Ameisen und Elefanten, über Bestattungsriten und Wiedergeburt, über chinesische Kurtisanen und ägyptische Kannibalen, über den geliebten Büchner und den bewunderten Goethe, der als eine "ungeheure Weltkugel des Geistes" immer rund auf sich beruhe, sodass man, um ihn zu begreifen, sich wie ein Möndchen um ihn drehen müsse; über den verächtlichen Hemingway, über Scholem, Adorno und Horkheimer, die Benjamin auf dem Gewissen hätten, über den zwiespältigen Frisch, den ehrenwerten Böll und den mit diktatorischen Allüren behafteten Dummkopf G. G. – er wird nicht Gustav Gründgens meinen? –; über den Brief, in dem Freud fünf Tage nach dem Tod Gustav Mahlers vom Nachlassverwalter sein Honorar für eine mehrstündige Behandlung einmahnt. Es findet sich alles in diesem Buch, von dem man meint, Canetti selbst hätte es nicht besser komponieren können – Auszüge aus seinen entlegenen Lektüren wechseln mit aphoristischen Einzeilern, Kurzessays, Selbstbetrachtungen, Meditationen, jüdischen Legenden und Zeitungsfunden, alles dient seiner Vendetta gegen den Tod. Und von allen Seiten flackert die Zeitgeschichte hinein, von Berichten über das Mengele-Tribunal über die Bewaffnung des Weltraums bis zur Frage, ob er für Saddams Ermordung sei. (Ausnahmsweise ja.)

Das Buch gegen den Tod entwirft nicht zuletzt eine Theorie des Tötens, wie das fulminante Nachwort Peter von Matts hervorhebt, dem das Kunststück gelingt, nicht hinter die Prosa des Meisters zurückzufallen. Canetti lebte in der Ära des Schlachtens, nie waren in der Geschichte in so kurzer Zeit so viele Menschen getötet worden. Canetti ließ sich nicht, wie so viele andere, abstumpfen. Jeder Tote war ein neuer Skandal, und der größte von allen war der Krieg. "Man muß die Kraft haben", schreibt er, "dem Krieg in Maul und Schlund zu fahren und ihm erbarmungslos die Eingeweide aus dem Leib zu ziehen" – so formuliert er das Programm für das, was er in Masse und Macht versuchen wird.

Was für eine Prosa! Gedrängt und klar, ohne die geringste Trübung durch Mode oder Jargon, bilderreich und schlank; eine Prosa, wie sie sonst keiner schrieb. Canetti ist als Stilist so singulär, wie es seine Marotten sind; als Autor zumindest, wenn auch nicht als empirische Person, ist er unsterblich geworden. Vielleicht ist dies sein sublimster Protest gegen den Tod: Aus dem Grab heraus, dem er dann doch nicht entkam, wirft er uns diesen gewaltigen Brocken vor die Füße, damit wir in unserer Tranigkeit und Todesverdrängung gehörig darüber stolpern mögen.