Den weißen Wal hat er dann doch nicht erlegt. Aber was für ein Beifang! Was steckt nicht alles in diesem Wunderwerk, auch wenn man seine Prämisse unhaltbar fände – Bruchstücke einer Anti-Theologie ("Als Teufel ist Gott wirklich unsterblich"), Bemerkungen über Ameisen und Elefanten, über Bestattungsriten und Wiedergeburt, über chinesische Kurtisanen und ägyptische Kannibalen, über den geliebten Büchner und den bewunderten Goethe, der als eine "ungeheure Weltkugel des Geistes" immer rund auf sich beruhe, sodass man, um ihn zu begreifen, sich wie ein Möndchen um ihn drehen müsse; über den verächtlichen Hemingway, über Scholem, Adorno und Horkheimer, die Benjamin auf dem Gewissen hätten, über den zwiespältigen Frisch, den ehrenwerten Böll und den mit diktatorischen Allüren behafteten Dummkopf G. G. – er wird nicht Gustav Gründgens meinen? –; über den Brief, in dem Freud fünf Tage nach dem Tod Gustav Mahlers vom Nachlassverwalter sein Honorar für eine mehrstündige Behandlung einmahnt. Es findet sich alles in diesem Buch, von dem man meint, Canetti selbst hätte es nicht besser komponieren können – Auszüge aus seinen entlegenen Lektüren wechseln mit aphoristischen Einzeilern, Kurzessays, Selbstbetrachtungen, Meditationen, jüdischen Legenden und Zeitungsfunden, alles dient seiner Vendetta gegen den Tod. Und von allen Seiten flackert die Zeitgeschichte hinein, von Berichten über das Mengele-Tribunal über die Bewaffnung des Weltraums bis zur Frage, ob er für Saddams Ermordung sei. (Ausnahmsweise ja.)

Das Buch gegen den Tod entwirft nicht zuletzt eine Theorie des Tötens, wie das fulminante Nachwort Peter von Matts hervorhebt, dem das Kunststück gelingt, nicht hinter die Prosa des Meisters zurückzufallen. Canetti lebte in der Ära des Schlachtens, nie waren in der Geschichte in so kurzer Zeit so viele Menschen getötet worden. Canetti ließ sich nicht, wie so viele andere, abstumpfen. Jeder Tote war ein neuer Skandal, und der größte von allen war der Krieg. "Man muß die Kraft haben", schreibt er, "dem Krieg in Maul und Schlund zu fahren und ihm erbarmungslos die Eingeweide aus dem Leib zu ziehen" – so formuliert er das Programm für das, was er in Masse und Macht versuchen wird.

Was für eine Prosa! Gedrängt und klar, ohne die geringste Trübung durch Mode oder Jargon, bilderreich und schlank; eine Prosa, wie sie sonst keiner schrieb. Canetti ist als Stilist so singulär, wie es seine Marotten sind; als Autor zumindest, wenn auch nicht als empirische Person, ist er unsterblich geworden. Vielleicht ist dies sein sublimster Protest gegen den Tod: Aus dem Grab heraus, dem er dann doch nicht entkam, wirft er uns diesen gewaltigen Brocken vor die Füße, damit wir in unserer Tranigkeit und Todesverdrängung gehörig darüber stolpern mögen.