Dies sei die Zeit der Überspannten und Verrückten, die nunmehr die Straßen Wiens dominierten. Der Krieg entfessle "alle Instinkte, alle Arten des Wahnsinns". Der seit Jahren im Wiener Exil lebende russische Emigrant Leo Trotzki zitiert in seinen Memoiren den zu diesem Zeitpunkt bereits legendären sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Victor Adler, der sich als Neurologe dem Phänomen der kollektiven Kriegseuphorie von seiner psychopathologischen Dimension her genähert hatte. Beide waren am 3. August 1914 zum Chef der politischen Polizei, Oberpolizeirat Edmund Gayer, unterwegs, um eine ebenso rasche wie reibungslose Ausreise Trotzkis in die neutrale Schweiz ermöglichen.

In den Tagen zuvor hatten sie einen wohl einzigartigen patriotischen Taumel erlebt, insbesondere die Intellektuellen und Kulturschaffenden schienen in ihrer überwältigenden Mehrheit einer regelrechten Kriegshysterie verfallen. Der eigensinnigen Dynamik des August 1914 – des "Irrationalen, Unvernünftigen, aber Ungeheuren" im "mystischen" Augusterlebnis (Robert Musil) – ist mit der organisierten Arbeiterbewegung auch die bis dahin bedeutendste und effizienteste Kraft gegen den Krieg erlegen: Abwartende Passivität, Schock, Lethargie bestimmten die Haltungen und Aussagen eines Großteils der Parteieliten. Der Krieg wurde als eine Art Naturkatastrophe empfunden, die es unter allen Umständen zu überstehen galt – und Victor Adler artikulierte diese Position vor Wiener Vertrauensleuten in gewohnt bestechender Präzision: "Es gibt nur eines, was noch schlimmer ist als der Krieg, das ist die Niederlage."

Symptome einer länger währenden latenten Krise hatten sich, trotz aller noch so imponierenden Organisationsleistungen, bereits seit einiger Zeit mit aller Deutlichkeit gezeigt. In der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung waren nicht weniger als sechs nationale Parteien auf Basis der Gemeinsamkeit des Programms, der Autonomie der Organisation und der Abstimmung der politischen Taktik organisiert. Das Scheitern dieser Kleinen Internationale am Innsbrucker Parteitag 1911 – über die von den Tschechen aufgeworfene Forderung nach eigenständigen nationalen Gewerkschaften – führte nicht nur zur Parteispaltung, sie stellte gewissermaßen auch einen Vorschein auf den Zerfall der Monarchie und die nationalen Revolutionen der slawischen Völker dar.

Die Arbeiterklasse vergaß auf alle ihre Resolutionen für den Frieden

Zudem hatten sich die euphorischen Hoffnungen, die in das 1907 erstmals gewählte Volksparlament gesetzt worden waren, in keiner Weise erfüllt. Das von ständiger nationaler Obstruktion gelähmte Abgeordnetenhaus ließ so gut wie keine politischen Initiativen zu. Und so griff man verstärkt auf das seit den Gründerjahren bewährte Instrumentarium einer Politik der Straße zurück. Die Massenkampagnen der Jahre 1912/13 unter dem Eindruck der Ereignisse auf dem Balkan galten vornehmlich der Mobilisierung gegen den Krieg – bis in die zweite Julihälfte des Jahres 1914 hinein wurde ein regelrechter Veranstaltungsmarathon inszeniert. Der Parteitag im November 1913 forderte in einstimmig beschlossener Resolution die "gesamte Arbeiterklasse" auf, "ihren Kampf gegen den Militarismus mit leidenschaftlicher Entschlossenheit zu führen und alle, die ihn stützen, als Feinde der Volkskraft und Zerstörer der Volkswirtschaft tatkräftigst zu bekämpfen".

Als sich spätestens mit dem Ultimatum an Serbien die Handlungsspielräume dramatisch eingeschränkt hatten, distanzierte man sich – umso mehr, als das Parlament nicht einberufen worden war – in einem in der Arbeiter-Zeitung am 25. Juli 1914 veröffentlichten Aufruf deutlich von jeglicher Mitverantwortung für die kommenden Geschehnisse und nahm ausschließlich jene, "die den verhängnisvollen Schritt, der uns vor den Krieg stellt, ersonnen, unterstützt und gefördert haben" in die Verantwortung. Zugleich wurden mit erstaunlichem Pragmatismus die Grundlagen für die "Burgfriedenspolitik" der kommenden Jahre gelegt: Duldung der habsburgischen Kriegsanstrengung und des Kriegsabsolutismus in einem stillen historischen Kompromiss bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der organisatorischen Strukturen der Arbeiterbewegung.

Ein von dem bereits an die Ostfront abkommandierten Otto Bauer verfasstes und am 28. Juli veröffentlichtes Manifest des Parteivorstandes hielt fest, dass seit nunmehr sechs Jahren alles nur Denkbare unternommen wurde, um das "große Gut des Friedens" zu erhalten: "Heute sehen wir, dass die Kräfte, die zum Kriege drängten, stärker waren als wir." Nach einer Solidaritätsadresse an die im Felde stehenden Soldaten wurden die "im bürgerlichen Leben" verbliebenen Vertrauenspersonen angesprochen. Oberstes Gebot der Stunde sei die Sicherung der Organisation, alles, was als Vorwand für behördliche Unterdrückung dienen könne, habe zu unterbleiben. "In guten Zeiten ist es leicht, zu unserer Sache zu stehen. Erst in schwerer Zeit offenbart sich unsere Kraft. Da muss sich unsere Treue, unsere Opferwilligkeit bewähren. Zeigt, daß es auch in unseren Reihen keine Fahnenflucht gibt! Daß auch die Männer des Klassenkampfes bis zum letzten Atemzug zu ihren Fahnen stehen!"

Es ist mehr als symptomatisch, dass de facto in der gesamten geschichtswissenschaftlichen Debatte um die historische Mitschuld der Sozialdemokratie an den Juli- und Augustereignissen des Jahres 1914 (bis hin zu einer aktuellen Biografie Bauers) dieses Zitat, in direkter Umkehr seines eigentlichen Sinns, immer wieder als kriegshetzerisch und "sozialimperialistisch" interpretiert worden ist. Man liest eben, was man zu lesen erwartet. Und hatte nicht der große Bruno Kreisky selbst vom historischen "Sündenfall" einer jungen, bis dahin von den Verwerfungen und der Korruptionen der angestammten Politik völlig unberührten Massenbewegung gesprochen? Die Sozialdemokratie, so die Kritik von links, habe den von ihr selbst definierten moralischen und politischen Ansprüchen nicht genügen können und durch Nichtausrufung des revolutionären Generalstreiks die Massentötungen des ersten industriellen, globalen Vernichtungskrieges zumindest indirekt mitverursacht. Die Kritik von rechts geriet üblicherweise etwas weniger subtil und reihte die "umgefallenen Sozis" ohne weitere Differenzierung und praktischerweise in die Reihen der zahlreichen mehr oder minder rabiaten Kriegsbefürworter ein. Ein etwas distanzierterer Blick auf die Ereignisse tut vor diesem Hintergrund dringend not.

Alle geplanten Massenkundgebungen gegen den Krieg werden abgesagt

Es stimmt, die Sozialdemokratie hat den Großen Krieg nicht verhindern können. Doch es bleibt die Frage, ob sie die dafür notwendigen organisatorischen und politischen Mittel überhaupt aufzubringen imstande gewesen wäre. Man befand sich mitten in den von Fritz Adler geleiteten organisatorischen Vorbereitungen zu einer für den Herbst geplanten Friedenskonferenz der Internationale in Wien. Nunmehr wurden, angesichts "vorherrschender Massenstimmungen", alle großen Kundgebungen gegen einen Krieg abgesagt, eine Vertagung des für den 23. bis 29. August anberaumten Kongresses "auf unbestimmte Zeit" dringend angeregt.