Mitten auf dem Weg bleibt Berthilde Kanitsch stehen, als ginge es da nicht weiter. Es ist kurz nach Mittag. Die Sonne brennt uns fast senkrecht auf den Kopf. Vor uns verläuft die österreichisch-ungarische Grenze. Sie führt durch den Wald, vor dem Berthilde Kanitsch sich als Kind so gefürchtet hat, wegen der Minen und weil es immer so geknallt hat, wenn ein Hase draufgekommen ist. Weit hangabwärts glitzert der Neusiedler See. Dann macht sie eine Geste, als wären die Rapsfelder, die sich nach Osten hin erstrecken, da irgendwie falsch. "Da war nur Gestrüpp", sagt sie. "Und da drüben war der Zaun, und da war das Loch. Da sind sie durchgekommen damals."

Damals war 1989, der Sommer, als Weltgeschichte durch Mörbisch wehte. Berthilde war 35 und putzte in einem Kindergarten; Martin, ihr Mann, arbeitete in einer Fabrik in Eisenstadt, der Hauptstadt des Burgenlands. Sie hatten zwei Söhne und ein kleines Haus kurz vor der Grenze, und alles war wie immer. Bis eben diese Menschen aus dem Wald kamen.

Ungarn hatte damals nur noch mäßigen Ehrgeiz, der DDR einen Gefallen zu tun und ihre flüchtigen Bürger einzufangen. Das bekam man mit in der DDR; wer nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte, versuchte es also über Ungarn. Viele landeten dabei im Seewinkel, dem letzten Zipfel, mit dem Österreich nach Ungarn hineinragt. Die beste Route war die durch den Mörbischer Wald: Da war man schlecht zu sehen, und der Zaun hatte ein Loch. Hinter dem Loch, auf der österreichischen Seite, wartete im Sommer 1989 meist Martin Kanitsch und brachte jeden Flüchtling heim zu seiner Frau, die dann ein Schnitzel briet und staunte, dass vom Ende ihrer Welt plötzlich etwas Neues kam.

In St. Margarethen im Burgenland feierte man 2009 das Jubiläum der Öffnung des sogenannten Eisernen Vorhangs – mit Trabis. © REUTERS/Heinz-Peter Bader

Mittlerweile ist Martin gestorben, zu früh, Herzversagen. Berthilde steht hier allein vor dem Wald, der gar nicht mehr so unheimlich aussieht. Manchmal, wenn sie damals abends auf dem Heimweg waren, sagte Martin zu Berthilde, schauen wir schnell, vielleicht kommt noch jemand, und dann sind sie zusammen in den Wald, der Wind zog schauerlich durchs Geäst, und Martin sagte, da ist wer. Immer mehr Leute fanden sie, und im Juli dann hatten sie so viel Arbeit, da nahm Martin drei Wochen Urlaub und schlich Tag und Nacht durch den Wald, danach wog er zehn Kilo weniger. "Wie eine Sucht war das", sagt Berthilde Kanitsch. Einmal fand er 26 an einem einzigen Wochenende, da wurden die Kinder ausquartiert, und Berthilde machte Schnitzel mit Pfirsichkompott am laufenden Band. "Das war unsere Lieblingsspeise. Wir haben gehofft, dass andere das auch immer wollen." Bald kamen die Leute am helllichten Tag in Scharen aus dem Wald. Was später in Berlin die Mauer fallen ließ, das hatte hier begonnen, gleich hinter dem Haus der Kanitschs.

Seitdem ist das Burgenland vom äußersten Rand des alten Westens in die Mitte Europas gerückt. Der ärmste Teil Österreichs, der nicht einmal Berge abbekommen hat, sondern nur einen See, dessen Wasser einem an der tiefsten Stelle gerade bis zur Hüfte reicht. Da kann man schon einmal hinfahren, um nach den Spuren dieses Wandels zu suchen: Was bleibt von einer Grenze, die man abreißt? Was passiert mit einem vergessenen Landstrich, der die Welt verändert hat?

Dort, wo der Minengürtel verlief, kann man heute herrlich Rad fahren. Am besten immer am Rand des Nationalparks entlang, der den Neusiedler See umgibt und zum größeren Teil in Ungarn liegt. Dass man dabei eine Grenze passiert, merkt man nicht unbedingt. Die Wachttürme wurden längst abgebaut und im Park wieder aufgestellt, für Vogelbeobachter. Die Ortsschilder sind ohnehin zweisprachig. Nach dem Ende des Habsburgerreiches war eine Weile unklar, ob die Gegend österreichisch oder ungarisch werden sollte, und bis heute ist sie irgendwie beides. In den Ortschaften ducken sich hüben wie drüben bunte einstöckige Häuschen an den Straßenrand, die österreichischen sehen etwas frischer gestrichen aus.

Nicht weit von Mörbisch liegt St. Margarethen, wo im August 1989 ein Grillfest zum Anlass einer Massenflucht wurde. Zum Jubiläum stehen die beiden wichtigsten Zeugen, zwei weißhaarige Herren in ihren späten Siebzigern, wieder auf ihrem alten Posten und erzählen ihre Geschichte. Das bedeutet: Johann Göltl, ehedem Chefinspektor des Zollamtes, doziert in donnerndem Burgenländisch, und Árpád Bella, Oberstleutnant der Grenzwache auf ungarischer Seite, lächelt ironisch dazu und nickt eifrig oder wiegt nachdenklich den Kopf.

"Sie wissen ja, was am 19. August 1989 hier passiert ist", sagt Göltl und zeigt mit großzügiger Geste über die Wiese, die heute "Platz der Freiheit" heißt und eine Gedenkstätte ist. Aufrecht und schwer wie eine Heldenstatue steht er da. "Aber fangen wir vorne an: Es war ein Sonntag." – "Ein Samstag", korrigiert Bella höflich. 15 Jahre lang standen sie einander gegenüber, Árpi und Hansi, und Hansi besuchte manchmal den Árpi, und sie tranken einen Kaffee, umgekehrt ging das natürlich nicht. Aber einmal, da hat Hansi den Árpi rübergeschmuggelt, und sie haben sich auf dem Kirchtag von St. Margarethen vergnügt.

Ende der achtziger Jahre hatte Ungarn begonnen, den rostigen Stacheldraht einzurollen. Dass damit der Eiserne Vorhang eine Lücke bekommen hatte, wollten ein paar ungarische Oppositionspolitiker der nichts ahnenden Welt vor Augen führen, mit einem riesigen Picknick just an dem Grenzposten, an dem Göltl und Bella Dienst taten. Der Plan war: Während Österreicher und Ungarn gemeinsam auf der Wiese eine Lkw-Ladung Speck braten und verspeisen sollten, würde das breite Holztor geöffnet werden, sodass eine Delegation beider Länder hin und her spazieren könne, um vorzumachen, wie Freiheit geht. Dazu kam es nicht, denn über 600 DDR-Bürger, die am Balaton auf eine Gelegenheit zur Flucht gewartet hatten, waren schneller.