Es gibt diesen Typus der Schauspielerin, die sich jeden Film wie nebenbei zu eigen macht. Ohne dass sie sich dafür groß anstellen oder gar dramatisch auftrumpfen müsste. In Frankreich scheint diese Art der Darstellerin immer wieder nachzuwachsen. Und so wie es den Isabelle-Huppert-Film gibt, den Charlotte-Gainsbourg-Film und den Léa-Seydoux-Film, ist in den letzten Jahren ein weiteres wunderbares Genre entstanden: der Sara-Forestier-Film.

Unvergessen, wie Forestier 2003 in Abdellatif Kechiches Film L’Esquive zum ersten Mal auf der Leinwand erschien: als Vorstadt-Göre, die ihre Rolle in der Schulaufführung von Marivaux’ Theaterstück Spiel von Liebe und Zufall so hingebungsvoll probt, als gehe es um Leben und Tod. Schon damals – Forestier war siebzehn Jahre alt und gewann den César als beste Nachwuchsdarstellerin – war alles auf der Leinwand zu sehen: ihre Leidenschaft, ihre Empfindsamkeit und ihre Unbedingtheit, die sie wie eine zarte Kriegerin wirken lässt.

Eine Kämpferin in eigener Sache ist Forestier auch in dem Film Die unerschütterliche Liebe der Suzanne, einer Familiengeschichte, die sich über 25 Jahre erstreckt. Sara Forestier spielt Suzanne, die nach dem frühen Tod der Mutter gemeinsam mit ihrer älteren Schwester bei ihrem Vater aufwächst. Als Schülerin wird Suzanne schwanger und behält das Kind. Kaum volljährig, begegnet sie ihrer großen Liebe, gerät mit ihm auf kriminelle Abwege und verbringt einige Zeit im Gefängnis. Aber das ist längst nicht die letzte Wendung eines Films, der sich ganz dem Temperament seiner Heldin anpasst. Suzanne ist liebenswert und impulsiv. Sie will immer alles, gibt sich immer ganz, verliert sich – und stürmt weiter.

Der Regisseurin Katell Quillévéré gelingt das Porträt einer oft irrational agierenden und manchmal auch verantwortungslosen Heranwachsenden und jungen Frau. Sie verurteilt Suzannes Widersprüche nicht, sie sucht auch keine Erklärungen. Voller Zuneigung erzählt sie die Geschichte dieses irrlichternden Wesens. Und so überrascht man manchmal als Zuschauer von Suzannes Hals-über-Kopf-Aktionen sein mag, so befreiend ist es auch, einen Film zu sehen, der gemeinsam mit seiner Heldin lieber Fragen aufwirft, als Antworten zu geben. Konsistent ist die Figur der Suzanne dennoch, eben durch Sara Forestier. Ihr Spiel findet die Entschlossenheit in der Haltlosigkeit, den tiefen Ernst der Gefühle im vermeintlich Leichtfertigen.

Dass Suzanne ein letztlich handfester, auch physischer Film ist, liegt an der aus nächster Nähe beobachtenden Kamera. Sie fängt die proletarische Lebenswelt der Familie ein. Die Lastwagenfahrten des Vaters. Suzannes verhasste Arbeit als Telefonistin in der Spedition und später den Job als Kellnerin. Und sie schafft Raum für die Körperlichkeit der Figuren. Die symbiotische Vertrautheit zwischen Suzanne und ihrer älteren Schwester (Adèle Haenel). Die Zärtlichkeit zwischen der noch kindlichen Suzanne und ihrem kleinen Sohn. Suzannes wie hypnotisiert wirkende Liebe zu dem Hallodri, der sie letztlich ins Gefängnis bringt. Kann so eine Geschichte überhaupt gut ausgehen? Nicht anders als der Film möchte man lieber zurückfragen, als zu antworten: warum eigentlich nicht?

Und so etwas muss man als Schauspielerin erst einmal hinkriegen: eine Figur zu spielen, die in einem Moment, der das Ende, eine Sackgasse und die finale Katastrophe sein könnte, auf wirklich schöne Weise bei sich angekommen zu sein scheint.