Wer war Frank Schirrmacher? Ein prominenter Zeitungsmann oder der Hexenmeister seiner Zunft? Die Nachrufe der letzten Woche, verfasst von den berühmtesten Journalisten des Landes, ließen nur den Schluss zu, dass der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Chef ihres Feuilletons die wahre Schlüsselfigur unserer Zeit gewesen sein muss. Nicht einmal Jahrhundertgenies wie der Romancier Gabriel García Márquez und der Dirigent Claudio Abbado haben es jüngst bei ihrem Tode zu solchen Elogen gebracht.

Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass Journalisten dazu neigen, sich gegenseitig zu überschätzen, bleibt ein erklärungsbedürftiger Überschuss. Zweimal fiel in dem Nachruf der Süddeutschen Zeitung, von ehemaligen Weggefährten niedergeschrieben, das Attribut "dämonisch". Und in der Tat begleitete die Ahnung eines vielleicht glänzenden, vielleicht unheimlichen Überschusses schon den charmanten jungen Mann, der 1984 mit 25 Jahren zur FAZ kam und kaum vier Jahre später Marcel Reich-Ranicki als Literaturchef nachfolgte. Wie elektrisiert lasen die Kollegen den ersten Satz seiner Besprechung von Heinrich Manns Im Schlaraffenland, den er 1988 in der Serie Romane von gestern – heute gelesen geschrieben hatte – als sei hier ein Schlüssel zu finden. Der Satz lautete: "Ein junger Mann, berauscht und überfordert von seinen Erfolgen, dreht durch."

Von Überforderung konnte, wie sich bald zeigte, im Falle der Zeitungsexistenz von Frank Schirrmacher nicht die Rede sein – aber von einem Überdrehen jeder bisher gekannten Tonlage. Zwei Pathosformeln begleiteten seinen kometenhaften Aufstieg: "Nie zuvor gesehen" und "Noch nicht annähernd begriffen" waren die Lieblingswendungen, mit denen das Wunderkind, das weitere fünf Jahre später Joachim Fest im Amt des Herausgebers folgte, seinen epochalen Anspruch auf Deutungshoheit erhob. Heute wirkt es, als präludierte er schon damals seinen Nachrufern – oder als wären seine Nachrufer noch immer, wie Kaninchen vor der Schlange, im Banne der Schirrmacherschen Pathosformeln fixiert.

Aber tatsächlich kann das nie zuvor Gesehene für den Traditionsbruch geltend gemacht werden, den seine fieberhafte Tätigkeit für das deutsche Zeitungsfeuilleton bedeutete. Und wahrscheinlich gilt auch das noch nicht annähernd Begriffene für die Fernwirkung, die er damit auslöste, vielleicht sogar für den Schaden, den er angerichtet hat. Das muss kein Widerspruch sein. Man kann ja auch Napoleon sowohl als kühnen Schöpfer der modernen Welt wie als satanischen Zerstörer des alten Europas schildern – und wird mit beidem recht haben. Der Vergleich mag abwegig sein, bezeichnet aber ziemlich genau die Tonhöhe, die Schirrmacher selbst anschlug, um dem traditionellen, bildungsbürgerlich eher sotto voce abgestimmten Feuilleton Gehör in der dröhnenden Medienwelt der Moderne zu verschaffen.

Die tragische Ironie bestand indes darin, dass Schirrmacher sich gerade als konservativer Bewahrer, als Hüter abendländischer Schätze und Freiheiten verstand, zu ihrer Verteidigung gegen Internet und eine entfesselte Marktlogik aber zu Mitteln griff, die ihrerseits alles abendländische Maß vermissen ließen. Jedenfalls hat selten ein Mann, der die Macht von Big Data verfluchte, so hemmungslos von Twitter und Co. Gebrauch gemacht und gegen die Folgen des ökonomischen Denkens mit dermaßen abgebrühten Marketingmethoden gekämpft. Ein kleines Beispiel ist der Titel Payback, den er 2009 seinem ersten Buch über die Macht der digitalen Netze gab. Das Rabattsystem des deutschen Einzelhandels hatte zwar mit der beklagten Ausforschung des Individuums zunächst wenig zu tun. Aber der Titel hatte den Vorzug, dass bei jeder Internetsuche nach Rabattvorteilen zugleich das Buch von Schirrmacher angezeigt wurde.

So hat er den Teufel der Moderne mit dem Beelzebub der Moderne austreiben wollen – und anders kann es selbstverständlich auch gar nicht gehen. Aber ebenso selbstverständlich handelte sich der Exorzist damit selbst den Dämon ein, den er vertreiben wollte.

Gewiss – Frank Schirrmacher hat das klassische Medium der Kulturklage, das sogenannte politische Feuilleton, nicht selbst erfunden, nicht einmal wiedererfunden. Vielleicht muss man gegen den Überschwang der Nachrufe sogar daran erinnern, dass es sein Vorgänger Joachim Fest war, der mit dem festen Willen zum politischen Feuilleton 1973 zur FAZ kam und sich die Lizenz dazu eigens in den Vertrag schreiben ließ. Aber Schirrmacher hat aus dem Dilemma des Kulturkritikers, gegen die beklagten Neuerungen der Moderne immer seltsam alt auszusehen, die revolutionäre Konsequenz gezogen: Der Zeitkritiker sollte jetzt mindestens so zeitgenössisch gerüstet wirken wie seine Gegner. Und das hieß vor allem: Er sollte genauso laut senden können. Der Traditionsbruch in Schirrmachers Feuilleton bestand nicht in den Themen – Gentechnik und Big Data, alternde Gesellschaft und Familienzerfall waren schon diskutierte Themen, ehe er sie aufgriff. Aber er hat sie mit nie zuvor erlebter Vehemenz behandelt.

Das ist im Journalismus, der von der Ökonomie der Aufmerksamkeit lebt, keine Kleinigkeit. Und deshalb ist es nicht übertrieben, zu sagen, dass es ein Feuilleton vor und ein Feuilleton nach Schirrmacher gab, jedenfalls in den bürgerlichen Medien, in denen von einem Feuilleton gesprochen werden kann. Er radikalisierte die Ansprache des Publikums, er skandalisierte, er hysterisierte, manche sagten damals, er frisiere die Themen der Kultur, der Künste ebenso wie die der wissenschaftlichen Debatte, mit den Mitteln des Boulevardjournalismus.