Mittags um 13 Uhr versammeln sie sich unter der großen Platane vor dem Bahnhof von Tergnier, jeden Tag. Breitbeinig und tätowiert, in Shorts und Turnschuhen stehen Schaffner, Waggonmechaniker und Lokomotivführer in großer Runde zusammen. Drei Frauen, fünfzig Männer, keine Alten. Entschlossene, ernste Mienen. "Wir dürfen nicht nachlassen", sagt der Zugführer Vincent Eudeline, 39 Jahre alt, ein gedrungener, spannungsgeladener Typ. "Wir haben unsere Kultur, unser Erbe."

Eudeline und seine Leute stehen in diesen Tagen an der Spitze eines landesweiten Arbeitskampfs. Ihre Heimat, die französische Kleinstadt Tergnier, ist seit je ein Zentrum des Eisenbahnerstreiks. Still, gepflegt und sauber liegt das Städtchen mit seinen 14.000 Einwohnern da, ein altes Schienen- und Kanalkreuz auf halber Strecke zwischen Brüssel und Paris. Sein riesiges Gleisgebiet, einst der drittgrößte Rangierbahnhof Frankreichs, ist heute zu großen Teilen stillgelegt. Viele Fabriken, die mit der Schienen-Infrastruktur verbunden waren, haben geschlossen. Seit 2007 ist die Arbeitslosigkeit von 10 auf 15 Prozent gestiegen. Streik hat hier Tradition, selbst in Paris kennt man den kleinen Ort: "So wie alle Franzosen Paris kennen, so kennen wir Eisenbahner Tergnier", sagt ein Schaffner am Pariser Gare du Nord.

Der Mythos von Tergnier reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Dreimal wurde der militärstrategisch einst so wichtige Ort beim Marsch auf Paris von den Deutschen eingenommen, dreimal wurde er besetzt und zerstört: 1870, 1914 und 1940. Dreimal stand Tergnier wieder auf. Es waren die Eisenbahner, die ihre Stadt vor allem im Zweiten Weltkrieg zu einem Brennpunkt der Résistance machten. Die Eisenbahner – ein kleiner Trupp von Unbesiegbaren.

1968 schoben sie den Generalstreik gegen Charles de Gaulle in vorderster Front mit an. Zweimal, 1986 und 1995, streikten sie über Wochen gegen eine Reformwende von rechts. Zweimal hatten sie Erfolg. 2010 zeigten sie Nicolas Sarkozy und seiner Rentenreform die Grenzen auf. Und jetzt sorgen sie für den ersten großen Arbeitskampf unter dem sozialistischen Präsidenten François Hollande.

Tergnier ist eine Stadt des Kampfes, des Widerstands, des Durchhaltens. Aber auch ein Ort, an dem man gut beobachten kann, woran Frankreich heute leidet: am Reformstau, am überschuldeten Wohlfahrtsstaat, an der scheiternden Politik.

Die Eisenbahner, die in diesen Tagen in Tergnier streiken, haben Angst vor Konkurrenz aus dem Ausland und Angst vor der EU: "Die Chefs sagen uns ständig, dass die Regionalzüge in Deutschland ein Drittel weniger Fahrtkosten pro Kilometer verursachen als bei uns", sagt der Lokführer Vincent Eudeline, der den Streik anführt. Die deutschen Züge könnten Eudeline und seinen Kollegen bald Probleme bereiten. Ein neues europäisches Gesetz sieht vor, dass bis 2022 überall in der Europäischen Union das Schienennetz liberalisiert wird – dann könnten die billigen deutschen Regionalzüge auch in Frankreich fahren. Doch genau so weit wollen es die streikenden französischen Eisenbahner nicht kommen lassen. Sie fordern, das nationale Monopol der Bahn zu bewahren. Und sie sind nicht die Einzigen: Auch der rechtsradikale Front National will das nationale Schienennetz erhalten. "Indem man sich erneut den Gesetzen Brüssels unterwirft, tötet unsere Regierung einen öffentlichen Dienst, der für unser Land und seine Wirtschaft überlebenswichtig ist", verlautbarte die Partei zum Eisenbahnerstreik.

Für manche sieht es so aus, als gewinne Deutschland nun im vierten Anlauf gegen die Franzosen in Tergnier – mithilfe einer EU-Richtlinie, welche die Eisenbahner-Kultur der Stadt zerstört.

Hier in der französischen Provinz, wo sich die Bürger einst gegen die Truppen der Nationalsozialisten aus dem verfeindeten Nachbarland stellten, haben bei den Europawahlen im Mai insgesamt 41 Prozent der Einwohner den rechtsradikalen Front National gewählt, so viele wie an kaum einem anderen Ort in Frankreich. Am Wochenende feierte die Stadt das 70-jährige Jubiläum der Befreiung von der deutschen Besatzung. Viel kam da zusammen: In den Köpfen der Menschen paarte sich der Widerstand von gestern mit dem Unmut von heute. Eine ungute, eine gefährliche Mischung, die vor allem einem zugute kommt: dem Front National.

Nicht nur politische Ansichten, ganze Welten treffen im Streit um das neue Eisenbahngesetz aufeinander. Auf der einen Seite die Welt der Metropolen, die von Paris und seiner Eliten, denen die Bahn nie schnell genug fahren kann. Für sie spricht der Premierminister Manuel Valls: "Die Reform wird gemacht." Am Dienstag dieser Woche wollte seine Regierung das neue Eisenbahngesetz im Parlament einbringen. Auf der anderen Seite die Welt der Eisenbahner – ein von manchen schon geschlagen geglaubter Berufsstand mit provinziellen Hochburgen wie Tergnier und einer nach wie vor funktionierenden Gewerkschaft. Noch fahren die Züge nicht ohne Lokführer, auch nicht in Paris.

Auf bis zu 375 Kilometern stauten sich die Autos vor den Toren der Stadt, weil die Bahnen nicht mehr fuhren. Am Montag mussten 700.000 französische Abiturienten ohne Bus und Bahn ihren Weg durchs Verkehrschaos zur Abiturprüfung im Fach Philosophie finden.