Der elfte Präsident der Italienischen Republik hatte den Quirinalspalast in Rom verlassen und reiste gen Norden: Giorgio Napolitano beglückte die Schweiz mit einem offiziellen Besuch. Das war Ende Mai. Über die Nützlichkeit solch protokollarischer Rituale kann man geteilter Meinung sein. Aber zu oft stellt man fest, wenn der hohe Gast wieder abgereist ist: außer Spesen nichts gewesen. Die aufwendigen Staatsempfänge erinnern an die Einladungen der netten Nachbarn, die einem um jeden Preis den sterbenslangweiligen Ferienfilm von ihrem letzten Trip nach Übersee vorführen möchten – und denen man nicht ewig Nein sagen kann.

Herr Napolitano hatte keinen Film im Gepäck, dafür eine Schelte für uns Schweizer. Er hat die Gelegenheit genutzt, um uns offiziell mitzuteilen, dass ihn das Resultat der Abstimmung vom 9. Februar über die SVP-Initiative erschüttert habe. Nun ist es jedermanns gutes Recht, Staatsoberhäupter inbegriffen, Kritik zu üben. Auch an seinen Nachbarn. Es ist zwar nicht besonders höflich, diese coram populo und während eines Höflichkeitsbesuches zu äußern; für so etwas gibt es schließlich Hinterzimmer. Aber heutzutage sind die Gepflogenheiten halt viel härter geworden, forsche Töne sind salonfähig – und wir Schweizer reagieren manchmal gar dünnhäutig auf Kritik. Eigentlich verrät sie eine Verunsicherung des Kritikers. Gerade im Fall von Italien. Ein Land mit derart großen Problemen, das seit Jahren in einer Krise steckt, sieht im Volksentscheid der Schweizer eine mögliche Gefahr für das eigene Wohlergehen.

Trotzdem fällt auf: Präsidentenschelte ist zurzeit en vogue. Auch der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat seine Visite benutzt, um seine Kritik an der Schweizer Demokratie zu platzieren. Einer Demokratie, in der man zu oft abstimme und in der das Volk zu oft an die Urne gerufen werde. Wiederum könnte man nun darüber streiten, ob es zum guten Ton gehört, bei einer offiziellen Staatsvisite die politischen Gepflogenheiten einer der ältesten Demokratien der Welt, die bis jetzt nicht schlecht funktioniert hat, zu kritisieren. Doch die Haltung von Präsident Gauck ist durchaus nachvollziehbar, obschon sie nicht meine ist: In einer unperfekten Welt wird es nie eine perfekte Demokratie geben. Das gilt auch für die schweizerische.

Was aber die beiden Präsidenten Napolitano und Gauck in ihren Schelten vornehm ausblendeten: Die Schweizer haben am 9. Februar über eine Frage abgestimmt, die viele europäische Staaten beschäftigt. Sie lautet: Wie viel Zuwanderung ist genug? Würde man diese Frage den Italienern stellen, würden sie sicher wie die Schweizer entscheiden; auch in Deutschland würde eine solche Initiative höchstwahrscheinlich angenommen.

So weit, so gut. Wirklich auf die Nerven geht mir aber ein anderer Punkt. Um uns Schweizer zu kritisieren, man könnte auch sagen: zu belehren, betonten die beiden Präsidenten immerfort die Freundschaft zwischen den Ländern. Das ist ein billiges Alibi und eine historische Lüge. Schon Benito Mussolini liebte die Schweiz so sehr, dass er das Tessin am liebsten annektieren wollte und während Jahren eine Irredentisten-Bewegung finanzierte. Oder der Streit um den Flughafen Zürich, das Steuerabkommen Rubik, die Hehlerei mit den Bankdaten-CDs, Säckelmeister Steinbrück, der uns die Kavallerie schicken wollte, Finanzminister Tremonti, der den Bankenplatz Lugano austrocknen wollte, die darauffolgenden italienischen Regierungen, die die Schweiz mit der Blacklist schikanierten: Cari amici , so geht man nicht um mit seinen Freunden! Das alles sind geschickte oder weniger geschickte Akte zur Verteidigung eigener nationaler Interessen. Also, meine Herren Präsidenten: Wenn Sie das nächste Mal in die Schweiz reisen, verzichten Sie bitte auf Ihre salbungsvollen Heucheleien. Wir brauchen keine paternalistischen Freundschaften, uns genügt Ihr Respekt.