Großbritannien ist auf dem besten Weg, die Europäische Union zu verlassen, und niemanden scheint es zu stören. Das ist schlimm. Denn Europa braucht die Briten. Von ihnen stammt der politische Freiheitsbegriff, der Liberalismus, und genau den muss die EU dringend neu entdecken, wenn sie die Mehrheit der Europäer wieder für sich einnehmen will. Fakt ist doch: Die Union hat Jahre einer wachsenden Zwangsintegration hinter sich, obwohl sich viele Europäer für das genaue Gegenteil ausgesprochen hatten. Eine Mehrheit der Wähler in den Niederlanden und in Frankreich hatte vor zehn Jahren gegen den Entwurf einer Europäischen Verfassung gestimmt. Wie so ein Referendum in Deutschland ausgegangen wäre, ist nicht sicher, jedenfalls war die Botschaft eindeutig. Die Mehrheit der Europäer in den großen Mitgliedstaaten wollten nicht noch mehr Integration.

Dann brach die Krise über Europa herein, Finanz-, Staatsschulden- und Euro-Krise gingen ineinander über und nötigten die Europäer, das genaue Gegenteil dessen zu tun, was sie eigentlich wollten. Der Einfluss des EU-Apparats nahm zu, statt die liberale Tradition Europas zu stärken, also einen Ort für selbstbestimmte, unternehmerische Geister, an dem der Staat das Individuum und seine Wahlentscheidungen ernst nimmt. Wer das, wie die Briten, zur Diskussion stellt, ist kein Feind Europas. Er macht sich um Europa verdient.

Es ist nicht ohne Bedeutung, dass die Debatte um Europa ausgerechnet in dem Jahr stattfindet, in dem sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal jährt. Im Sommer 1914 mussten die Briten ebenfalls über ihr Verhältnis zu Europa entscheiden. Damals haben sie sich eingemischt, sind für liberale Ideale in den Krieg gezogen, und wer die Gedenkfeiern beobachtet, kann nicht zu dem Schluss kommen, dass ihnen der Kontinent egal sei.

Vor einer Weile fuhr beispielsweise eine belgische Fregatte die Themse hinauf und ging hinter der Tower Bridge vor Anker. Die Louisa Marie hatte eine finstere Fracht an Bord. Sie brachte siebzig Jutesäcke mit geweihter Erde von den Kriegsfriedhöfen in Flandern. Siebzig Schaufelladungen, die an 1,1 Millionen Soldaten aus Großbritannien und dem Commonwealth erinnern, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen hatten. Mit Andacht verbrachten Marinesoldaten die Ladung auf einen Sechsspänner. Die Eskorte trabte an. Scheitelrecht, Hufe und Helme poliert, geleitete sie die Kutsche durch die Stadt bis in die Kaserne der königlichen Leibgarde neben dem Buckingham-Palast. Auf den Gebeinen der Gefallenen ist dort inzwischen ein Garten der Erinnerung erblüht.

In den Medien, auf Theaterbühnen, in Schulklassen und Museen wird der "Große Krieg" als eine Art emotionale Zeitreise aufbereitet, als Erlebniswelt, in der die Briten ihre Geschichte so unmittelbar und roh empfinden können sollen wie die Kriegsgeneration selbst. Es sei nicht weniger als eine "nationale Pflicht", die gefallenen Helden "durch unser Gedenken zu verehren", erklärt Premierminister David Cameron.

Zugleich stellt sich den Bürgern erneut die Frage, wie sie mit Europa verfahren sollen. Die eingeübte Rolle des widerwilligen EU-Mitglieds, die das Land seit seinem Beitritt 1973 gespielt hat, ist nicht mehr zeitgemäß. Es geht nun ums Ganze. Mit Europa oder ohne? David Cameron hat versprochen, im Herbst 2017 ein Referendum abzuhalten, und der Sieg der populistischen EU-Austrittspartei Ukip bei der Europawahl im vergangenen Monat lässt befürchten, dass die Briten dem Kontinent schon jetzt den Rücken gekehrt haben. 27,5 Prozent stimmten für den Separatisten Nigel Farage.

Aber auch die anderen Parteien reiben sich an Europa. In den Worten des Konservativen Abgeordneten Douglas Carswell hat Brüssel das Vereinigte Königreich "entmannt". Seit der Euro-Krise seien die Briten "an einen Leichnam gekettet". Aus dem linken Lager ertönen ebenfalls Metaphern, die Europa vergleichen mit "einem Wirbelsturm, der nur Armut und soziales Elend hinterlässt".

Tatsächlich verwirbelt die Debatte auf der Insel die Zukunft Europas mit der Erinnerung an die britische Geschichte. Dadurch erhält sie eine bisweilen hysterische Note. Es ändert nichts an ihrer Notwendigkeit.

Der britische Kriegseintritt 1914 war keineswegs selbstverständlich. Die Wissenschaft hat längst überzeugend dargelegt, warum die einzige Weltmacht sich damals besser nicht in einen Konflikt in Zentraleuropa eingemischt hätte. Dass sie es dennoch tat, lag, in den Worten der Oxforder Historikerin Margaret MacMillan, nicht zuletzt daran, dass die Briten "eine starke und unverwechselbare Identität vereinte". Nicht nur der nationalistische Zeitgeist, der ganz Europa damals fest im Griff hatte, hätte die Männer in den Gräben und die Frauen an der Heimatfront angetrieben, schreibt MacMillan, "sie kämpften für eine urbritische Idee, die sie Freiheit nannten. Es waren die Prinzipien des Liberalismus, die England der Welt geschenkt hatte. Dafür zu sterben war 1914 eine Verpflichtung."