Wenn Konstantin von Notz aus seinem Abgeordnetenbüro durch den Keller ins Plenum des Bundestags geht, kommt er an seinem Lieblings-Demokratie-Objekt vorbei: einer rostigen Keksdose mit der Aufschrift A. Hitler. Der Künstler Christian Boltanski hat allen, die jemals Mitglied des Hohen Hauses waren, in den Tiefen des Reichstagsgebäudes ein solches Denkmal gesetzt. Von Notz – Rechtsanwalt, Netzpolitiker, grüner Abgeordneter seit 2009 – erwähnt die zerbeulte Dose immer wieder, auch in öffentlichen Reden. In der Keksdose zeigt sich, findet von Notz, ein Deutschland, das "am eigenen Versagen gereift ist", das "nichts wegdrücken muss, nichts verleugnet". Ganz leicht kommt dem Grünen dabei auch ein "wir" über die Lippen: "Wir haben da eine Gelassenheit entwickelt, die ich gut finde." Er ist jetzt 43 Jahre alt. Für Parteifreunde der Generation vor ihm war und ist dieses "wir" noch immer keine Selbstverständlichkeit, auch wenn sie schon eine Weile die Nationalhymne mitsingen.

Wer sich fragt, wo es mit den Grünen gerade hingeht, wie die neuen mit dem grünen Erbe umgehen, der sollte den Abgeordneten von Notz im Auge behalten. Das geht im Moment leicht: Konstantin von Notz ist Obmann der Grünen im NSA-Untersuchungsausschuss. Nach dessen Sitzungen tritt er, wenn SPD, CDU und Linke gesprochen haben, vor die Kameras und macht seiner Empörung Luft. "Dass jemand wie Edward Snowden bei Putin Unterschlupf finden muss, ist eine Schande für die westlichen Demokratien!", schimpft er dann. "Wenn die Bundesregierung sich weiterhin weigert, dem Ausschuss zu helfen, erwägen wir den Gang vor das Bundesverfassungsgericht!"

Der Schatten Hans-Christian Ströbeles, Snowdens Stellvertreter auf Erden

Für die Grünen, als klitzekleinste aller Oppositionsparteien, ist der NSA-Ausschuss Gold wert. Diese Woche wieder sind Berichte zu kommentieren, wie eng das Koch-Kellner-Verhältnis zwischen Bundesnachrichtendienst und NSA ist. "Die Abwehrstrategie der Bundesregierung, nach der nur die Amerikaner die Bösen sind und wir die Guten, die fällt immer mehr in sich zusammen. Und der BND will 300 Millionen zusätzlich für die Überwachung von Sozialen Medien – aber die Isis im Irak, die hat er nicht kommen sehen? Passt nicht zusammen!", findet der Grüne.

Konstantin von Notz steht bislang allerdings noch im Schatten eines politischen Riesen: Hans-Christian Ströbele, gerade 75 Jahre alt geworden, ist offiziell sein Stellvertreter im NSA-Ausschuss. Aber nach gemeinsamen Pressegesprächen ist es Ströbele, den die Journalisten umkreisen. Es war Ströbele, der im Oktober vergangenen Jahres zu Edward Snowden nach Moskau fuhr und der seither auftritt, als sei er dessen Stellvertreter auf Erden. Es ist Ströbele, dessen Vita als ehemaliger RAF-Verteidiger, als regelmäßiger Besucher der Hanf-Parade, als steter Gast in Flüchtlingscamps und bei Mai-Demonstrationen ihm den Status einer Anwalts-Ikone verschafft hat, weit über die Parteigrenzen der Grünen hinaus.

Kann ein junger Abgeordneter da irgendetwas anderes denken als: Wann geht der große König aus der Sonne? Von Notz schwört Stein und Bein, das läge ihm völlig fern. "Glauben Sie mir", sagt er, "ich bin wirklich froh, dass er da ist." Ströbele ist juristisch mit allen Wassern gewaschen, Veteran zahlloser Untersuchungsausschüsse – gelegentlich wirkt es, als seien sogar die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen nicht unglücklich, wenn er die Regierung in einer Weise in Bedrängnis bringt, wie sie es selbst nicht wagen.

Und doch ist kaum zu übersehen, dass Konstantin von Notz nicht die Absicht hat, ein Ströbele-Epigone zu werden. Er gehört dem Realo-Flügel seiner Partei an. In der vergangenen Legislaturperiode hat er, gemeinsam mit dem inzwischen ausgeschiedenen grünen Innenpolitiker Wolfgang Wieland, das in seiner Partei ungeliebte Thema Innere Sicherheit mit dem grünen Freiheitsbegriff verknüpft. In dem Papier, das damals entstand, wurde zur Enttäuschung vieler Parteilinker die Existenzberechtigung der Geheimdienste ausdrücklich bejaht. Ströbele hingegen will den Verfassungsschutz abschaffen.