Je länger Forscher unsere nächsten Verwandten betrachten, desto menschlicher schauen sie zurück. Affen sind unglaublich intelligent, sie haben ein Ich-Bewusstsein, sie erkennen die Absichten anderer und empfinden Schmerz und Trauer (ZEIT Nr. 21/14). Gewiss, auch Affen können grausam sein. Aber sie sind keine Massenmörder; sie rotten ihre Artgenossen nicht planvoll aus oder zerstören absichtlich ihren eignen Lebensraum. Affen haben alle Chancen, die tollen Menschentiere zu überleben.

Der in Leipzig forschende Kulturanthropologe Michael Tomasello ist ein Bewunderer der nicht menschlichen Primaten, und die Experimente, die er mit diesen fabelhaften Wesen angestellt hat, sind zu Recht berühmt. Andererseits geht Tomasello die akademische Affenliebe mancher Kollegen gehörig auf den Geist. Ihn ärgert, dass sie den Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht ernst genug nehmen und das Alleinstellungsmerkmal von Homo sapiens nicht hinreichend würdigen: Während Affenkinder "egozentrisch" bleiben, sind Menschenkinder schon mit neun Monaten in der Lage, durch Zeigegesten auf ein Objekt zu verweisen und mit der Mutter eine gemeinsame Wahrnehmung zu teilen. Menschen, so heißt das, erzeugen eine symbolische Welt. Sie verfügen über eine ausgeklügelte Sprache, sie können sich in andere hineinversetzen und über gemeinsame Ziele verständigen.

Keine Frage, der Philosoph Jürgen Habermas findet in Tomasello einen idealen Gesprächspartner. Habermas hat sich vorgenommen, in seinem nächsten Werk noch einmal die gesamte Gattungsgeschichte zu rekonstruieren, von der Frühgeschichte über die Achsenzeit bis zur Gegenwart. Und wie Tomasello sind ihm dabei jene Bio-Wissenschaftler suspekt, die den Menschen ausschließlich als ein Naturprodukt verstehen, als eine mit Sprache ausgestattete Puppe, die an den Fäden der Evolution baumelt und sich in eitlen Selbsttäuschungen ihre Freiheit nur vorgaukelt. "Denken und Gefühle – alles Moleküle."

Vergangene Woche diskutierten Tomasello und Habermas auf Initiative des Philosophen Sebastian Rödl an der Universität Leipzig, doch bei so viel theoretischer Nähe sind Differenzen mit bloßem Auge kaum auszumachen. Worüber sollten sie streiten? Beide haben keinen Zweifel daran, dass das Entwicklungstempo unserer Spezies unmöglich mit evolutionärer Anpassung und "egoistischen Genen" (Richard Dawkins) zu erklären ist, schließlich hat sich der Mensch erst vor sechs Millionen Jahren von den anderen Menschenaffen getrennt. Wenn es nicht die Natur war, dann kann also nur die Kultur der Grund dafür sein, dass Homo sapiens in so kurzer Zeit so rasend viel gelernt hat. Kurzum, der Mensch ist kein ferngesteuerter Handlanger im Naturtheater der Evolution. Er ist ein lernendes Wesen, das mit seinen Artgenossen kooperiert und sein kulturell erworbenes Wissen an die nächste Generation weitergibt. Selbst seine Sprachfähigkeit verdankt sich keinem genetischen Großereignis, sondern der Weiterentwicklung der Gebärden- und Gestenkommunikation. Auch das geschah mit Höchstgeschwindigkeit – in nur gut zweihunderttausend Jahren.

Allerdings, für Habermas sind Tomasellos Erklärungen immer noch eine Spur zu naturalistisch, und manche beruhen möglicherweise auf einem Zirkelschluss. Brauchen Menschen, um wechselseitig ihre Absichten wahrnehmen zu können, vorab ein tieferes, gleichsam genetisch eingelagertes Wissen von Intentionen? Und wenn ja, müsste dann dieses Wissen nicht selbst wiederum erklärt werden? Und wenn Tomasello von einem "gemeinsamen Grund" spricht, der unseren Kommunikationen vorausliegen muss, damit wir uns verständigen können – meint er damit, dass dieser Grund außerhalb der Sprache liegt? Wird der common ground nicht vielmehr durch das Sprechen selbst erzeugt? Mit einem Wort: Habermas will die Einflussmacht der Natur schwächer und dafür die welterzeugende Leistung der menschlichen Sprache stärker machen. Es sei gar nicht nötig, die Natur zu bemühen, um zu erklären, warum Normen und starke Wertungen in die Wörter kommen. Es reiche aus, die Entwicklung der Sprache und die rituellen Praktiken der frühen Menschen zu untersuchen.

Leider war in Leipzig die Zeit zu knapp, um diese Frage gebührend zu diskutieren. Dabei wären gewiss die interessanten Umbauarbeiten ins Auge gefallen, die Habermas gerade an seiner Diskurstheorie vornimmt. Habermas fragt sich nämlich, welche Funktion der Ritus in jenen Stammesgesellschaften besaß, die bereits auf "sprachliche Koordination" umgestellt hatten. Warum bleiben Musik, Tanz und pantomimische Darstellungen so wichtig? Seine Erklärung ist aufregend spekulativ und lautet: Der Ritus löst jene Probleme, die mit der Erfindung sprachlicher Symbole entstanden waren. Denn die Sprache besitze ein Janusgesicht, sie ist für Habermas zugleich das fantastische Medium der Kooperation wie auch ein Mittel der Trennung. Sprache mache die Gruppe störanfällig, weil sie dem Einzelnen die Möglichkeit verschaffe, sich von der Gemeinschaft zu unterscheiden und Nein zu sagen.