Das Schiff ist sehr groß, die Sängerin sehr klein. Marketing weiß, wie mit Dimensionen umzugehen ist und in welchem Ausmaß die wirkliche Welt auf Illusionen treffen muss, damit daraus Begehren wird. Man nennt dies auch: Werbung. Mit Helene Fischer macht der Reisekonzern TUI Werbung im ganz großen Stil.

Eine Schlagersängerin tauft ein Kreuzfahrtschiff, da sind viele knifflige Ideen austariert, die Vorstellungen von Klasse und Geld, von Mobilität und Heimat, von Tradition und Fortschritt. So stand sie also auf der Tribüne des Terminals, die erfolgreichste deutsche Popsängerin der Gegenwart, 1,58 Meter groß und hinter ihr ein Ozeanliner von den Ausmaßen einer Hochhaussiedlung. Und dann sagte sie, ja, ein bisschen aufgeregt sei sie schon, und es gäbe ja auch eine Helene-Fischer-Suite. Schon allein deshalb dürfe das Ganze nicht danebengehen.

Bei einer Schiffstaufe muss die Schampusflasche zerplatzen, was sie dann auch tat, aber vorher war Helene Fischer, die Interpretin von jetzt schon aus dem Kanon des Populären nicht mehr zu tilgenden Songs wie Atemlos und Marathon, an einem Ballon in die Höhe gerauscht wie eine Trapezkünstlerin von Cirque du Soleil.

Und wie Frau Fischer da so schwebte, ein kleines, in bizarre Showklamotten gepacktes Figürchen, da erschien das Schiff, auf dem dann einen Tag später 2500 Passagiere die Jungfernfahrt nach Mallorca antraten, noch größer und zugleich auf ein menschlich erträgliches Maß geschrumpft. Denn es war bislang nur ein großer achtstöckiger Kasten gewesen, mit Ausguckbalkonen im Wachturmstil und Beiboten vom Umfang eines U-Bahn-Wagens.

Aber dann hatte die Taufpatin gesprochen. Sie hatte dem Koloss einen Namen gegeben, und auch wenn dieser Name von genial-selbstreflexiver Beklopptheit ist – Mein Schiff 3 –, so wurde aus dem Monstrum doch ein konkreter, von einer Starpersona gesegneter Ort.

Die Kreuzfahrtindustrie ist eine gigantische Branche. Mehr als zwei Millionen deutsche Passagiere werden noch dieses Jahr über die Weltmeere gondeln, Hamburg profitiert von diesem Trend wie keine andere Hafenstadt in Deutschland. Noch rund 180 Mal ziehen die Luxusliner dieses Jahr von der Elbe aus los, 600.000 Fahrgäste heißt das, ein Boom, ein Riesengeschäft.

Deshalb auch die Riesenmaße. 1100 Kabinen, 15 Decks, ein Dutzend Restaurants, das Interieur im Look eines Grandhotels der frühen Achtziger oder, je nach Perspektive, einer James-Bond-Film-Kulisse. Mein Schiff 3, das ist die Idee der Lounge auf Multifunktionshallengröße ausgedehnt. Die Chaise longue hat hier Leitplankenlänge; der Teppichboden kombiniert moosige Konsistenz mit psychedelischer Optik. Nach ein paar Martini und ein wenig Seegang dürften sich die entsprechenden halluzinatorischen Wirkungen einstellen. Wie bitte, Seegang? Gibt es doch gar nicht! Bei diesen Dampfern ist das Meer nur eine Projektion, die am Kajütenfenster vorbeizieht. Auch deshalb war Fischers Luftnummer stimmig. Man ist auf diesen Schiffen der konkreten Topografie und ihren Fährnissen enthoben. Die nächste Entwicklungsstufe dieses Tourismus wird die Teleportation von Hotelanlagen sein.

TUI-Chef Richard Vogel hat gesagt: Es gehe um "Entschleunigung", "das Gefühl, Zeit zu haben". Das ist das Glücksversprechen, nach dem das Oberschichtenphänomen Kreuzfahrt von TUI und Hapag demokratisiert wurde wie die Mode von H&M. Zeit vertändeln wie Dandys und reiche Erben als letzte kapitalistische Utopie. Der Mehrwert bei Kreuzfahrten ist nicht mehr die touristische Erkundung von fernen Weltgegenden, sondern das Anhalten im Strom.

Auch in dieser Hinsicht war die kleine Sängerin ein großer Besetzungskniff: Sie ist ein Star von unten, der sich hochgeschuftet hat. Genauso werden es viele Mein Schiff 3- Passagiere machen. Vielleicht reicht es irgendwann sogar mal für die Helene-Fischer-Suite.