Hammer! Wer diese Lobby betritt, ohne mit der Wimper zu zucken, muss ästhetisch sehr abgebrüht oder todmüde sein. Ich dagegen, mittelwach und leicht empfindlich, muss erst mal Luft holen. Vor mir stehen ein halbes Dutzend knallrote Sessel, zwei Meter hoch, in Tulpenkelchform, daneben hängen drei weiß lackierte, mit Schleifchen versehene Riesenglocken, aus deren Innerem jeweils ein kompletter Kronleuchter hervorglitzert. Auf dem Boden breitet sich in Delfter Blau-Weiß ein Teppich aus, der, abermals in Übergröße, eine alte Navigationskarte darstellt. Und über die Glocken hinweg reicht der Blick vier Stockwerke hinauf in ein Himmelsgewölbe mit Planeten und Umlaufbahnen aus Hunderten von Glühbirnen.

Gerade lief ich noch durchs adrette Klein-Klein der Grachtenhäuserzeilen, plötzlich bin ich in eine andere Dimension geraten, eine, in der die Gesetze der protestantischen Zurückhaltung nicht mehr gelten. "Na, wie schmeckt euch das, Puristen?", scheint hinter dem fröhlich-verspielten Tschingderassassa Marcel Wanders’ rotzige Stimme zu rufen.

Der Himmelsstürmer des Dutch Design hat in den vergangenen 25 Jahren rund um die Welt erfolgreich Dinge und Räume entworfen und sich Ende 2012 – als Minderheitsgesellschafter – dieses Hotel geleistet. Es liegt an der Prinsengracht im alten Sitz der Stadtbücherei, in einem von außen schmucklosen Bau von 1972 und wird vom Hyatt-Konzern als Teil des firmeneigenen Sublabels Andaz geführt. Für die Deko aber, den Groove, ist allein Wanders verantwortlich. Und dessen liebstes Feindbild ist das Bescheidenheitsgebot less is more – in seinen Augen "eine krankhafte Wahnvorstellung".

Zwischen Check-in und Zimmertür zündet er schon die nächsten Spezialeffekte. Im Fahrstuhl schaue ich durch die Glaswand auf eine Buchregal-Fototapete voller Titel wie Kindheitsträume, Archiv vergessener Träume, Feuchte Träume, Galerie zerbrochener Träume, bevor ich abhebe in den Glühbirnenhimmel. Im blau verschatteten Flur fällt mein Blick als Erstes auf die Statue eines halb nackten Hünen, der verschwörerisch beide Hände an den Mund hält. "Wenn Sie Ihren Kopf zwischen seine Hände platzieren, erzählt er Ihnen seine Träume", sagt ein Hotelmitarbeiter. Haha! Kleiner Scherz.

Angenehme Ernüchterung dann auf dem Zimmer: Weiße und schwarze Elemente gehen höflich miteinander um, der gelbe Sessel am Fenster ist ein kräftiger, aber kein krasser Farbtupfer. Als ich mich eine Weile hineinsetze und bloß in den Raum schaue, merke ich, wie schnell mein aufgescheuchter Blick zur Ruhe kommt, Wanders weiß also durchaus zu dosieren, wo’s sein muss.

Einen kleinen Exzess gibt’s dennoch, ausgerechnet im einstmals "stillen Örtchen". Das ist mit einer Tapete ausgekleidet, die ein ornamentales Donnerwetter zur Stadtgeschichte entfacht. Anekdoten und Zitate von einheimischen Weltstars wie Spinoza und Cruyff werden flankiert von Fisch-Girlanden, Schiffs- und Poller-Friesen, von Hinweisen auf Red Light District und Anne Frank Huis. Ein Kraftraum des Lokalpatriotismus, dem das Hotel alle naselang frönt. Die drei gekippten Kreuze aus dem Stadtwappen etwa finden sich auf Teppichen wieder, an Waschtischen und Schranktüren – und in der Montage aus Fischkopf und Löffel, die als Kunstobjekt in jedem Zimmer hängt.

Ob der Küchenchef des Restaurants Bluespoon ähnlich wild mit den Zutaten jongliert? Den offenen Gastraum teilen sich Stuhl- und Sesselzonen, Ecken mit und ohne Tischdecke, hellere und dunklere Winkel. Doch die Küche ist vergleichsweise unaufgeregt – und eher unpatriotisch. Die Karte vermerkt zwar, aus welchem Stück Heimat Fleisch oder Fisch jeweils stammen. Die Rotwein-Olivensoße neben dem Utrechter Lamm auf meinem Teller aber dürfte aus Südeuropa stammen.

Als das Gericht anlangt, wird gerade das Licht ein wenig gedimmt, reflexartig rücke ich näher. "Zu dunkel?", fragt die Kellnerin und schiebt mir lächelnd das Teelicht von der Tischmitte zwei Zentimeter entgegen. Witz haben sie. Ob das eine Nebenwirkung von Wanders’ fröhlichem Anti-Purismus ist? Abgefärbt hat er jedenfalls auf den Dresscode. Jede Kellnerin trägt etwas anderes. Eine klärt mich auf: Die Angestellten dürfen sich aus einem Dutzend Kleidungsstücken die Tagesuniform zusammenstellen. Eine schöne kleine Freiheit. Nach dem zweiten Glas Wein bin ich sogar geneigt, darin einen wildromantischen Protest gegen Alt-Amsterdamer Schlichtheit zu sehen. Eine überspannte These? Bestimmt. Doch dieses Haus, das so voller Zeug und Zeichen ist, provoziert einen eben zu spontanen Spinnereien.

Spätabends durchstreife ich die Bar, das Lesezimmer, den Miniaturgarten wie einen weitläufigen Showroom und frage mich, warum hier immer auf Atlas verwiesen wird, die antike Stütze des Himmelsgewölbes. Ein Wink hinüber zur Atlas-Figur auf dem Dach des Königlichen Palastes am Dam? Ach was, dahinter verbirgt sich Wanders selbst, dem der Himmel in seinem Kopf mitunter eine schwere Last ist. "Ein wahrer Designer weiß, dass das eigene Schaffen seine Verbindung zur Welt ist", hat er mal erklärt, "aber er weiß auch, dass die einzigartige Welt seines Inneren ihn letztlich zu einem Leben in Einsamkeit verurteilt."

Nun ja, man muss dem Mann ja nicht alles abkaufen, nur weil man sich in seiner Wunderkammer so gut aufgehoben und angenehm angestachelt fühlt. Im Aufzug zur Nachtruhe ein letzter Blick in Richtung Traum-Bibliothek. Morgen werden mir Amsterdams Straßen ein wenig grauer vorkommen als gestern.