Ende April trafen sich in einem holzgetäfelten Büro im Altonaer Rathaus sechs Politiker, um auf einem Samsung-Handy mit angeschlossenen Lautsprechern 74 Songs zu hören. Sie hörten Punkrock und verträumte Chansons, Gangsta-Rap und deutschen Schlager, fröhlichen Folkpop und düstere Singer-Songwriter-Balladen. Das Treffen fand nach Feierabend statt, es gab Früchtetee und Brezeln. Einige der anwesenden Politiker, die der SPD, der CDU und den Grünen angehören, versuchten mitzusingen. Andere konzentrierten sich aufs Zuhören. Ein paarmal wurde gelacht. "Dafür, dass wir so behördenlastig waren, war die Atmosphäre locker", sagt einer der Teilnehmer.

Die Versammlung war der vorläufige Höhepunkt eines langwierigen Prozesses. Altona sucht eine neue Hymne. Anlass sind die Festlichkeiten in diesem Sommer. Vor 350 Jahren hat der dänische König Altona die Stadtrechte verliehen. Das möchte Altona – diese Stadt, die keine Stadt mehr ist – groß feiern. Mit Musik. Mit Gesang. Und mit einem neuen Lied, das die Altonaer Bürger, wie die Bezirksamtsleiterin Liane Melzer sagt, "auch auf der Straße singen werden". Damit sind alle Bürger gemeint: der Hipster in Ottensen wie der Hartz-IV-Empfänger in Osdorf, der Blankeneser in seiner Villa wie der Afghane in seinem Flüchtlingsheim. Kein geringer Anspruch. Altona ist ein Bezirk mit vielen Kulturen. Aber mit einem Sound?

Die alte Hymne – das stand frühzeitig fest – taugte nichts mehr. Komponiert hat sie ein Mann namens Felix Worysch, Chorleiter in Altona, Urheber längst vergessener Werke wie Der Weiberkrieg und Da lachte Schön-Sigrid, gestorben 1944. Man hatte eine Organistin gebeten, die Hymne von Worysch einzuspielen. In einer Sitzung wurde der CD-Player angestellt. Die Hymne klang nach allem Möglichen, nach Marschmusik, nach Erstem Weltkrieg, nach Pulverdampf und Stechschritt. Nach einem modernen Altona klang sie nicht. Zitat: "Heil dir, du Stadt an des Elbufers Hang, dich preis ich, dir ertöne mein Sang" – im Straßencafé von Ottensen kann man so was nicht spielen.

Also wurde eine öffentliche Ausschreibung lanciert, ein Preisgeld von 1000 Euro ausgelobt. Das war im Dezember. Eine Melodie und einen deutschen Text müsse die Hymne haben, schrieb die Altonaer Kulturstiftung, und einen Bezug zum Bezirk. Auch kurz solle sie sein, nicht länger als zwei Minuten, und möglichst mitsingbar. Außerdem wichtig: Textlich wie musikalisch müsse die Hymne doch bitte positiv sein. Nicht Moll, sondern Dur. Nicht erzählerisch, sondern deklamatorisch. Nicht: "Letztens, auf dem Spritzenplatz, fuhr ich mit dem Klapprad an einem kranken Hund vorbei ...", sondern: "O du schönes Altona, dein Elbblick ist so wunderbar."

Nun hat Altona eine lange Geschichte, die alles andere als nur wunderbar ist. Die Nähe zum großen Hamburg hat dem Bezirk nicht immer gutgetan, die Eingemeindung schmerzt manche Leute bis heute. Vielleicht lagen auch deshalb bei Einsendeschluss nur vier Hymnen vor.

Die Kulturstiftung verlängerte die Frist, warb im Internet, schrieb Bands an, die in städtischen Proberäumen übten, und dann, Anfang April, hatten tatsächlich 74 Möchtegern-Hymnendichter Werkproben eingereicht. So begann die eigentliche Arbeit – und damit eine ganz neue Variante des Casting-Wesens. So viel amtliche Jurorenqualifikation war selten: Die Bezirksamtsleiterin hörte mit, der stellvertretende Bezirksamtsleiter, der Vorsitzende der Bezirksversammlung, der stellvertretende Vorsitzende der Bezirksversammlung, der Vorsitzende der Kulturstiftung, die Vorsitzende des Kulturausschusses sowie, als hinzugezogener Experte, der Leiter des Hamburger Konservatoriums.

Diese sieben lauschten und tagten, drei Stunden lang. Englischsprachige Einsendungen (Uuuhhh, aaahhh, this is Altona) und deprimierende Texte ("Stell ich mein Fahrrad an die Ecke, ist es am nächsten Morgen weg/Ungenutzte Abfalleimer sorgen für ’ne Menge Dreck") wurden rasch aussortiert, Geografieschwächen bestraft: Die "Tanzenden Türme", die von der Ska-Punkband Rantanplan in Altona verortet wurden, stehen in Hamburg-Mitte. Rantanplan flogen raus.

Längere Debatten gab es über den 93-jährigen Kaffeehauspianisten Gerhard von Harscher, der mit zittrigem Vibrato An der Elbe, dicht bei Hamburg, wie ein Tor zur Hansestadt. intonierte. Zu Franz-Schubert-mäßig, entschied die politische Mitte. Eine linksgerichtete Minderheit wiederum hätte gerne einen der vielen Singer-Songwriter dabeigehabt. Aber dann setzte sich doch die Erkenntnis durch, dass die Texte der Singer-Songwriter zu nachdenklich seien, ihre Melodien nicht eingängig genug. Eine Hymne, so sagte der Mann vom Konservatorium, müsse "sing- und hörbar sein, im Stehen".