Die Bilder und Nachrichten aus dem Irak sind so furchterregend, dass sich alle verzweifelt fragen: Wer kann für Ordnung in diesem sich ausbreitenden Chaos sorgen?

Die Antwort ist paradox. Ausgerechnet ein Schurke könnte zum Retter werden. Aus den von Krieg und Terror verheerten Landschaften des Nahen und Mittleren Ostens ragt der Iran hervor. Er ist das größte Land der Region, er hat eine jahrtausendealte Kultur, er verfügt allen Regimewechseln zum Trotz über eine Jahrhunderte währende staatliche Kontinuität. Und in einem Punkt sind sich alle Iraner – Anhänger des Regimes wie Oppositionelle – einig: Der Iran ist dazu prädestiniert, Ordnungsmacht in der Region zu sein. Kein anderer Staat hat dieses Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Jetzt, da die ganze Region in Blut versinken könnte, muss der Westen sich das klarmachen. Je früher, desto besser.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Das iranische Regime unterdrückt das eigene Volk, es schafft sich die technischen Voraussetzungen für eine Atombombe, seine Kämpfer retteten den syrischen Diktator Assad vor dem Sturz. Die Machthaber in Teheran unterstützen die libanesische Hisbollah und Hamas im Gazastreifen mit Geld und Waffen, zwei Organisationen, die am liebsten Israel auslöschen würden. Und schließlich tragen die Iraner Mitverantwortung für die heillose Lage im Irak. Sie haben den irakischen Präsidenten Nuri al-Maliki in den vergangenen Jahren bedingungslos unterstützt. Malikis Politik hat die Sunniten des Iraks dem Staat entfremdet. Nur deshalb kann die Terrororganisation Isis ganze Landstriche und Städte unter Kontrolle bringen.

Die islamische Republik gilt also nicht von ungefähr und nicht nur in Washington als Schurkenstaat – aber darf der Westen sie deshalb als Partner ablehnen?

Die Antwort hängt davon ab, wie man die Natur der islamischen Republik beurteilt. Haben wir es mit einem aggressiv-expansionistischen Regime zu tun oder mit einem, das im Wesentlichen defensiv agiert und nur die eigene Macht erhalten möchte? Man kann auch konkreter fragen: Was will der Iran mit einer Atombombe?

Es gibt dazu zwei Denkschulen. Die eine sagt, Teheran rüste nuklear auf, um die Region zu dominieren; die andere argumentiert, die Mullahs wollten die Bombe, um sich unangreifbar zu machen. Man kann beides nicht ganz sauber voneinander trennen. Doch um die Absichten zu verstehen, die hinter dem möglichen Bau einer Bombe stehen, ist es nützlich, sich in die Lage Teherans zu versetzen.

Seit der Revolution im Jahre 1979 leben die Mullahs in dem Bewusstsein, dass der Westen der islamischen Republik das Existenzrecht abspricht. Tatsächlich haben die USA mehr als 35 Jahre lang kaum etwas unversucht gelassen, um sie zu zerstören. Im Jahr 1980 ermunterten sie den damaligen irakischen Diktator Saddam Hussein dazu, Krieg gegen die frisch geborene revolutionäre Republik zu führen. Washington wie Bagdad glaubten, die Mullahs würden nach einem schnellen Feldzug stürzen. Aber der Krieg dauerte acht Jahre, er kostete rund eine Million Menschen das Leben, und er zementierte die Macht der Mullahs. Im Schatten des Krieges gingen sie gnadenlos gegen ihre innenpolitischen Gegner vor, trieben sie ins Exil, warfen sie ins Gefängnis oder ließen sie kurzerhand hinrichten.

Saddam Hussein setzte im Krieg gegen den Iran Chemiewaffen ein. Die Iraner zogen daraus eine Lehre: Nie wieder soll uns jemand ungestraft mit Massenvernichtungsmitteln angreifen können! Es ist kein Zufall, dass das Regime damals das Atomprogramm wieder aufnahm, das der Schah in den siebziger Jahren begonnen hatte. Angst steht am Ursprung des iranischen Atomprogramms, nicht Aggression.