Vor einem Vierteljahrhundert ging ein Aufsatz um die Welt, der mit hegelscher Gewissheit das "Ende der Geschichte" verkündete. Die großen ideologischen Kriege waren vorbei, die Totalitären hatten verloren. Die Zukunft gehörte der Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie. Die Ereignisse schienen dem Autor Francis Fukuyama recht zu geben: Mauerfall, Diktatorendämmerung, Selbstentleibung der Sowjetunion. Die Geschichte hatte die Konkurrenz für zu leicht befunden.

Heute signalisieren Russland und China, der Iran und die islamistische Terrorgruppe Isis: Das "Ende" war bloß eine Pause, der kurzlebigen Vorherrschaft Amerikas geschuldet. Die liberale Weltordnung ist auf dem Rückzug, die Machtpolitik auf dem Vormarsch. Die Wegmarken sind Syrien, die Ukraine und der Irak; Irans Atomrüstung und Chinas Ausgreifen im Pazifik.

Die Ambitionen der Aufsteiger sind die eine Ursache, die "Selbsteindämmung" Amerikas die zweite. Es wirkt ein uraltes Gesetz der Weltpolitik: der Horror Vacui, die Natur verabscheut das Nichts. Die neuen Machtpolitiker haben das Vakuum sehr wohl erkannt, das die ermüdeten USA nach 13 Jahren Krieg in Mittelost, nach 5.000 Toten und vier Billionen Dollar, hinterlassen haben. 2011 verschwand der letzte GI aus dem Irak, 2015 wird keine selbstständig kampffähige Einheit mehr in Afghanistan stehen.

Auch in Europa – Stichwort Ukraine – hat Amerika keine militärische Option mehr; die 300.000 Soldaten von ehedem sind auf ein Zehntel zusammengeschmolzen. Während Russland und China ihren Militärhaushalt doppelstellig erhöhen, sinken die US-Rüstungsausgaben noch schneller, übrigens mit kräftiger Hilfe der Republikaner. Angepeilt ist ein Anteil von 2,2 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Hälfte des historischen Durchschnitts.

Den Revisionisten, die sich an der Nach-1989-Ordnung zu schaffen machen, möge man keine imperialistische Gier, sondern nur einen realistischen Blick unterstellen. Wer wie in Syrien "rote Linien" zieht und aufgibt, wird Assad nicht erschrecken. Wer keine glaubhafte militärische Drohung gegen die iranische Bombe bereithält, erlaubt es Teheran, auf Zeit zu spielen, von seinen Kämpfern in Syrien und im Irak ganz zu schweigen. Obama grollt und droht, derweil mysteriöse russische Panzer durch die Ostukraine rasseln. Während Peking nach den Inseln im Südchinesischen Meer greift, gibt Obama eher den Schiedsrichter als den Beschützer.

Wo die Macht zurückweicht, hinterlässt sie eine Einladung. Schlimmer noch: Je größer die Leere, desto geringer der Aufwand der Opportunisten. Isis werden 5.000 Kämpfer im Irak nachgesagt; allein Berlin hat dreimal so viele Polizisten. Dennoch konnte Isis unbehelligt von Mossul gen Bagdad vorrücken. Wo das Kräftegleichgewicht fehlt, winkt selbst der kleinsten Truppe eine Traumrendite. Dies zu konstatieren ist nicht schwer.

Doch nur die schrecklichen Vereinfacher – links oder rechts – wissen, was zu tun sei. Klüger für die Weltmacht und besser für die Weltordnung wäre es gewesen, wenn Obamas Amerika keine klaffenden Lücken hinterlassen hätte. Isis hätte die Großoffensive nicht gewagt, wenn die USA zehn Infanteriekampfbrigaden (zu je 3.300 Mann) nebst Luftunterstützung im Irak hinterlassen hätten. Abschreckung ist einfacher und billiger als Abwehr. Doch das fällt unter die Steinbrück-Rubrik "Hätte, hätte, Fahrradkette".

Heute steht Amerika vor einem schrecklichen Dilemma. Entweder es erlaubt den Dschihadisten, einen Terrorstaat zwischen Mossul und Aleppo zu etablieren, sozusagen Taliban-Afghanistan II, aber näher dran an Europa und den Ölfeldern. Oder es erlaubt dem Iran, den eigenen Herrschaftstraum zu verwirklichen, indem seine Armee das Schia-Regime in Bagdad rettet und sich einen Großteil des Iraks als Belohnung genehmigt.