Die Botschaft läuft seit Tagen über Twitter und Videos im Internet: "Isis zerschmettert die Sykes-Picot-Grenzen." Dazu Bilder von Kämpfern der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien, die ungehindert über die irakisch-syrische Grenze fahren, ihre schwarzen Fahnen hissen oder die Pässe ihrer Herkunftsländer verbrennen.

Die schnellen Erfolge der Terrortruppe macht es offensichtlich: Die nationalstaatliche Ordnung im Mittleren Osten – entlang der von europäischen Imperien gezogenen Grenzen – befindet sich im Prozess der Auflösung. Die Grenze zwischen Syrien und dem Irak, 1916 hervorgegangen aus einem Geheimabkommen der Diplomaten Sir Mark Sykes und François Georges-Picot, existiert über weite Strecken nicht mehr. Gleiches gilt für die beiden Staaten. Im Fall Syriens dürfte der Zerfall des Territoriums unwiderruflich sein, im Fall des Iraks gibt die Regierung in Bagdad wenig Anlass zu glauben, sie könne die Kontrolle über das gesamte Land wiederherstellen.

An die Stelle der alten ist keine neue Ordnung getreten, sondern eine Vielzahl von Kriegen und Konflikten – allesamt durchkreuzt von einem einzigen Frontverlauf: dem zwischen Schiiten und Sunniten.

Isistan, Schiitistan, Kurdistan: Die Grenzen des Nahen Ostens wurden nach dem Ersten Weltkrieg gezogen. Jetzt entsteht eine neue Landkarte, auf älterer Grundlage. Klicken Sie auf das Bild um zur Großansicht der Karte zu gelangen. © ZEIT ONLINE

Was vor drei Jahren in Syrien als nationaler Aufstand gegen eine Diktatur begonnen hat, ist nun zu einem konfessionellen Stellvertreterkrieg mutiert. Baschar al-Assad, der als Alawit selbst zum schiitischen Spektrum des Islams gehört, rechtfertigte die brutale Gewalt gegen eine zunächst friedliche Oppositionsbewegung von Beginn an als "Kampf gegen sunnitischen Terrorismus". Das rief Sunniten aus dem gesamten arabischen Raum auf den Plan, die ihrerseits die Reihen der Rebellen stärkten. Schiitische Kämpfer wiederum schlossen sich dem Regime an. So kam es früh zur Internationalisierung und Konfessionalisierung des Krieges: Libanesische Salafisten schießen in Syrien auf irakische Schiiten, iranische Truppen feuern auf saudische Sunniten. "Fighters without borders" nennt man dieses Phänomen. So ist der syrische Bürgerkrieg zu einem "war without borders" geworden. Nicht nur indem Millionen von Flüchtlingen die Nachbarländer destabilisieren, sondern auch weil der Kriegsschauplatz sich immer weiter entgrenzt. "Die Schlachtfelder verschmelzen", warnte Martin Kobler, der damalige UN-Gesandte im Irak, bereits vor einem Jahr den UN-Sicherheitsrat. "Der Irak ist die Bruchlinie zwischen der schiitischen und der sunnitischen Welt, und was immer in Syrien passiert, löst Erschütterungen in der politischen Landschaft des Iraks aus."

Diese Entwicklung hat nun mit dem Blitzeinmarsch von Isis in die irakische Millionenstadt Mosul vergangene Woche ein Tempo angenommen, mit dem weder die breaking news der Nachrichtensender noch die Krisenstäbe von Regierungen mithalten können. Und so bleibt zunächst nur der Versuch, auf die Replay-Taste zu drücken, um gewissermaßen in Zeitlupe nachzuvollziehen, wie es dazu gekommen ist.

Nach dem Einmarsch von Isis in Mossul schien der Hauptverantwortliche für dieses Desaster schnell ausgemacht: die USA. Genauer gesagt, die Bush-Regierung mit ihrer Invasion im Irak 2003. Der historische Schaden dieses Krieges ist in der Tat enorm und auch über ein Jahrzehnt später noch nicht annähernd erfasst. Das eigentlich Verheerende war dabei nicht einmal der völkerrechtswidrige Einmarsch und Sturz des irakischen Regimes. Saddam Hussein war nämlich keineswegs der "stabilisierende" Diktator, als den ihn inzwischen manche darstellen. Sein Baath-Regime war, wie es der libanesische Autor Hazem Saghieh formuliert, ein "nicht-europäischer Totalitarismus", mit dem er einen multi-ethnischen und multi-konfessionellen Staat durch allgegenwärtige Gewalt und die Ideologie der säkularen "Sunni-Power" zusammenzwang – zum Leidwesen der schiitischen Mehrheit. Nein, das Verheerende an der amerikanischen Invasion war die kriminell stümperhafte Besatzungszeit, die dem angestauten Hass zwischen Schiiten und Sunniten freien Lauf ließ.

Doch das Jahr 2003 ist in Wahrheit nicht der Ausgangspunkt des Konflikts, der nun eine dramatische neue Stufe erreicht hat. Die Financial Times zieht bereits den Vergleich zum Dreißigjährigen Krieg, in dem die europäischen Großmächte unter dem Banner der Religion ganze Landstriche verheerten. Die Geschichte dieser Zuspitzung beginnt mit der schiitischen Revolution von 1979 im Iran. Sie brachte den Schah zu Fall, einen jener Petro-Diktatoren, die man im Westen als Garanten für Modernisierung und stetige Erdölversorgung unterstützt hatte. Die Revolution des Ajatollah Chomeini schuf überhaupt erst die Konstellation, die nun zu einem schiitisch-sunnitischen Showdown geführt hat.