Auf dieses Bild wartet der Kunstmarkt seit Jahren: Schon zu Lebzeiten hatte die Milliardenerbin und Kunstsammlerin Barbara Piasecka Johnson immer wieder Werke aus ihrer sagenumwobenen Privatsammlung verkauft – und nicht selten kamen dabei neue Höchstpreise heraus. Von jenem Vermeer-Gemälde der Heiligen Praxedis aber, das sie 1987 über die Kunsthandlung Spencer Samuels & Co. aus New Yorker Privatbesitz gekauft und um dessen Anerkennung als Originalwerk sie gekämpft hatte, trennte sich die gebürtige Polin (1937 bis 2013) mit Wohnsitz in Monaco nicht. Erst hing es in ihrer Wohnung in Monte Carlo, dann als Leihgabe im dortigen Musée de la Chapelle de la Visitation – und nun, fünfzehn Monate nach dem Tod von Barbara Piasecka Johnson, wird es das Auktionshaus Christie’s am 8. Juli in London versteigern.

Der Schätzpreis ist mit sechs bis acht Millionen Pfund eher taktisch als realistisch angesetzt: Seit das Bild, über dessen Provenienz vor dem Zweiten Weltkrieg so gut wie nichts bekannt ist, 1995/96 in der großen Vermeer-Retrospektive in Washington und Den Haag als frühestes Werk des Malers gezeigt und geadelt wurde, gab es keine ernsthaften Zweifel mehr an seiner Eigenhändigkeit.

Entsprechend hoch über der Taxe wird der Zuschlag liegen, denn seit Öffnung der gar nicht mehr so neuen Kunstmärkte in Osteuropa, Indien und Fernost ist die Liste der sogenannten Dark Blue Chips deutlich kürzer geworden: Werke jener Künstler, für die jeder besessene und ausreichend vermögende Sammler ohne zu zögern einen Millionenbetrag aufs seit Jahren vorbereitete Scheckformular schreiben würde.

Nur 37 gesicherte Gemälde des niederländischen Barockmeisters sind heute überhaupt bekannt, und nur noch zwei davon stehen dem Markt zur Verfügung, weil sie sich in Privatbesitz befinden. Das andere, Vermeers schwer übermaltes und restauriertes, 20 mal 25 Zentimeter kleines Spätwerk Junge Frau am Virginall, hatte im Juli 2004 bei Sotheby’s in London der Casinounternehmer Steve Wynn aus Las Vegas für 16,25 Millionen Pfund ersteigert. Nach kurzer Verweildauer in seinem Büro gab er es an einen New Yorker Privatsammler weiter. Als marktfrisch gilt solch ein Bild damit nicht mehr. Das Gemälde der Heiligen Praxedis aber, die der Legende nach mit einem Schwamm das Blut der Märtyrer aufnahm, wechselte seit 27 Jahren nicht mehr die Besitzerin.

Die alte Kunst verspricht keine irrwitzigen Preissteigerungen – dafür Werterhalt

Seit einiger Zeit schon schwächelt der Markt für Impressionismus und Klassische Moderne, weil sich die meisten wirklich bedeutenden Werke inzwischen in Museen oder in Privatsammlungen befinden, die so bald nicht verkaufen wollen. Die Alten Meister und die Barockkunst versprechen ihren Besitzern zwar nicht die irrwitzigen Preissteigerungen, die derzeit mit zeitgenössischer Kunst erzielt werden, dafür aber langfristigen Werterhalt. Und offenbar hofft man in diesem Feld, wie der 1,5-Millionen-Euro-Zuschlag für eine nur dem Umkreis von Rembrandt zugeschriebene biblische Szene bei Lempertz in Köln gerade erst bewiesen hat, auch noch auf Wiederentdeckungen von Originalen aus Meisterhand. Der Schätzpreis für die 103 mal 86 Zentimeter große Leinwand hatte bei 15.000 Euro gelegen.

Die großen Auktionshäuser buhlen in den Zeiten mangelnder Ware um die Einlieferung bedeutender Sammlungen – im Fall Piasecka Johnson kommen jetzt die beiden großen internationalen Häuser zum Zug. Denn während Christie’s den spektakulären Vermeer anvertraut bekam, kann einen Tag später auch Sotheby’s mit Werken gleicher Provenienz aufwarten. In der Bond Street sind es vor allem neun Zeichnungen der Renaissance und des Barocks aus der Sammlung Piasecka Johnson, die zum Aufruf kommen. Hauptlos ist eine Ganzkörperstudie des Sitzenden Heiligen Joseph, den Kopf auf die rechte Hand gestützt von Sandro Botticelli. Nach Angaben des Auktionshauses ist das mit 12,9 mal 12,4 Zentimetern fast quadratische Blatt die erste Zeichnung, die seit über hundert Jahren auf einer Auktion zu haben ist. Entsprechend lautet die Taxe auf 1 bis 1,5 Millionen Pfund. Neben weiteren Zeichnungen, unter anderem aus der Werkstatt von Andrea del Verrocchio (1435 bis 1488), bietet Sotheby’s eine auf Leinwand gemalte Opferung des Isaac des Caravaggisten Bartolomeo Cavarozzi (3 bis 5 Millionen Pfund) und eine von Cranach inspirierte Mariendarstellung des Meisters der Piasecka Johnson Madonna (600.000 bis 800.000 Pfund) an.