Den Zustand des verfeindeten Sichertragens nennt man in der Politik gemeinhin Frieden. Nicht einmal das gelingt Hamburgs FDP. Gerade erst hatten Fraktionschefin Katja Suding und Landeschefin Sylvia Canel ihren Streit über die Frage beigelegt, ob sie gemeinsam auf einer Liste kandidieren könnten. Gerade erst hatte Suding sich durchgesetzt. Gerade erst herrschte "Frieden". Aber dann, am Wochenende, kam Canel auf die Idee, ihren E-Mail-Verkehr mit der Parteifeindin auf Facebook zu veröffentlichen. "Meine Hand war die ganze Zeit ausgestreckt", heißt es da. Dabei seien Sudings Äußerungen "einer liberalen Partei nicht würdig" gewesen.

Die FDP verstrickt sich immer weiter in Streit. Das ist schade, weil nun schon wieder das unerträgliche Wort vom "Zickenkrieg" die Runde macht und weil ja sogar die großen Jungs der FDP zuvor um Ruhe gebeten hatten. Christian Lindner war eigens zur Klausurtagung nach Hamburg gereist, Wolfgang Kubicki hatte gemahnt: "Die Bundespartei braucht dringend Erfolge. Die Bürgerschaftswahl ist für die FDP eine Riesenchance."

Hamburgs FDP als Riesenchance einer Partei? Arme Partei.

Man kann die Hoffnung ja irgendwie verstehen. Die Hamburger sind einer der wenigen liberalen Landesverbände, der noch parlamentarisch vertreten ist. Außerdem müsste das doch eigentlich großartig zusammenpassen: die FDP und die Freie und Hansestadt Hamburg, die die Freiheit schon im Namen trägt. Zwei, die für die gleichen Werte stehen, Freiheit, Weltoffenheit, Individualismus.

Die Hamburger nennen ihre Stadt eine "liberale" Großstadt – aber ihre liberale Partei ist eine notorisch zerstrittene Truppe, die die urbane Klientel kaum erreicht. In Umfragen zur Bürgerschaftswahl landet sie meist unter fünf Prozent, und im Mai bei der Bezirkswahl schaffte sie in zwei Bezirken nicht einmal die Dreiprozenthürde. Wenn über die FDP wirklich prominent berichtet wird, dann wie zuletzt: weil wieder untereinander gestänkert wird.

Ein bisschen wirkt diese FDP in der Stadt wie der HSV in der Bundesliga: war schon immer da, deshalb haben wir uns daran gewöhnt, dass es einfach so sein muss. Aber was wäre, wenn sie nicht mehr da wäre?

Es gibt viele Argumente, gegen die FDP zu sein, das ist normal. Es gibt auch viele Argumente, zum Beispiel gegen die Linken zu sein, die über alle Spielregeln hinweg die Lampedusa-Gruppe in der Stadt halten wollen. Oder gegen die Grünen, die die Elbvertiefung nicht so richtig wollen. Oder gegen die SPD, die alles kriegt, was sie will. Allein: Das vernichtendste Argument gegen eine Partei ist nicht, dass man sie nicht mag. Das vernichtendste Argument ist, dass man sie nicht braucht. Also: Braucht Hamburg die FDP überhaupt?

In vielen Großstädten wird das Versagen der FDP damit erklärt, dass es die Einwohner unübersichtlicher Ballungsräume ganz gern haben, wenn die Politik ihnen möglichst viel Ordnung in den reizüberfluteten Alltag bringt. Das Leben in der Metropole bietet genug Freiheiten, da kann sich der Bürger nicht noch ständig selbst um alles kümmern, wie es die FDP gerne hätte.

Aber in Hamburg zieht dieser Erklärungsansatz für das unterkühlte Verhältnis zur Partei nicht. In Hamburg kümmern sich die Menschen ständig selbst. So oft, dass es manchmal schon irritiert – etwa wenn übermotivierte Eltern à la Mareile Kirsch die Schulpolitik nicht endlich mal in Ruhe lassen. Oder wenn, wie jüngst geschehen, das Bündnis Mehr Demokratie! die krude Forderung aufstellt, die Stadt in eigenständige Gemeinden zu teilen. Hamburg ist die demokratischste Stadt Deutschlands, nirgends sonst gibt es so viele Volksentscheide.