DIE ZEIT: Mister Valle, stimmt es, dass Sie mal Marlon Brando verprügelt haben?

Marcos Valle: Ich war jung und zum ersten Mal in den USA. Es war nachts, in einer Villa in Beverly Hills. Brando saß am Pool und trommelte gedankenverloren auf Bongos herum.

ZEIT: Klingt wie ein Hollywoodfilm.

Valle: ... so fühlte es sich auch an. Neben Brando stand ein Klavier, auf dem erst Henry Mancini spielte, dann Sérgio Mendes, dann Quincy Jones. Petula Clark sang dazu, Tony Curtis und Vincent Price tanzten. Es war surreal. Irgendwann wollte ich ins Bett und suchte meine Frau. Als ich sie fand, heulte sie und sagte, dass ein Typ versucht habe, sie zu küssen. Dummerweise war das Marlon Brando. Egal! Ich baute mich gerade vor ihm auf, da kam der Gastgeber und hielt mich zurück, weil Brando völlig betrunken war. Also ließ ich’s sein.

ZEIT: Sie waren einer der Jungstars der Bossa-nova-Bewegung. Ihr Song Summer Samba (So Nice) ist, nach The Girl From Ipanema, die am häufigsten nachgespielte Bossa-nova-Nummer aller Zeiten. War das die Erfüllung Ihrer Lebensträume?

Valle: Die Veröffentlichung meiner ersten Songs bedeutete vor allem das Ende meines Jura-Studiums. Ein Albtraum für meinen Vater, der Anwalt war, so wie sein Vater. Seit meinem dritten Lebensjahr lernte ich Klavier und spielte mit sechs am Konservatorium in Rio Bach und Beethoven. Als Teenager begann ich, Songs zu komponieren, und bekam eines Tages einen Plattenvertrag angeboten.

ZEIT: Sie schrieben Ihre ersten Songs im Haus von Tom Jobim, dem legendären Co-Autor des Girl From Ipanema. Wie kam es dazu?

Valle: Freunde wollten, dass Jobim sich meine Musik anhört, und nahmen mich mit. Er war begeistert von meinen Kompositionen und fragte, wo ich die aufgeschrieben hätte, aber ich spielte immer alles aus dem Kopf. Daraufhin setzte Jobim mich mit Block und Bleistift in ein Zimmer und sagte, er würde mich erst wieder rauslassen, wenn ich meine Songs zu Papier gebracht hätte.

ZEIT: Als Summer Samba (So Nice) in den USA die Charts stürmte, waren Sie 22. Belastet so ein Welthit, oder befreit er?

Valle: Kommerzieller Erfolg war mir gleichgültig. Das Album Violara Enlurada, das ich danach aufnahm, klang ja auch völlig anders und war in Brasilien trotzdem ein Hit.

ZEIT: Elvis Presley, Frank Sinatra – alle machten auf Bossa nova. Stimmt es, dass in Rio darüber gestritten wurde, ob Ihre Musik oberflächlich sei?

Valle: Ja, eine Weile lang. Die Grundidee der Bossa nova ist aber, das Glück des Lebens zu zelebrieren, die Sonne, den Strand, die Liebe. Totaler Optimismus eben. Natürlich ist es wichtig, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren, aber die Kunst muss trotzdem frei bleiben. Einem Genie wie Jobim vorschreiben zu wollen, dass er Protestsongs schreiben solle, hielt ich für Quatsch.

ZEIT: Interessierte sich die Militärregierung, die 1964 die Macht übernommen hatte, für die Bossa-nova-Szene?

Valle: Die Militärregierung antwortete mit Zensur auf unsere Popularität. Wir mussten jeden Song vor der Veröffentlichung vorlegen. Die Regierung hoffte, dass wir dadurch von allein unsere Texte entschärfen würden. Aber das Gegenteil war der Fall. Wir waren nur gezwungen, unsere Botschaften zu tarnen, also zweideutig zu formulieren. Wenn die Zensoren nichts fanden, pickten sie sich oft irgendeine banale Zeile heraus und zwangen uns, sie umzuformulieren. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel.

ZEIT: Wollten Sie nie auswandern?

Valle: Nein. Die Zensur zermürbte mich zwar so, dass ich Mitte der Siebziger eine Auszeit einlegte und fünf Jahre in den USA verbrachte. Aber für immer dort zu bleiben wäre mir nie in den Sinn gekommen. Seit ich mit Sérgio Mendes Anfang der sechziger Jahre das Land bereist hatte, war ich fasziniert davon, aber Rio ist unersetzlich.