Da liest man diesen einen Satz, vor einem halben Jahrhundert geschrieben, und aus den Buchseiten springt einem die Gegenwart ins Gesicht. Die Schweiz, so steht da, befinde sich in einer "seltsamen Mittellage zwischen Zuversicht und nagendem Zweifel". Und weiter: "Im 19. Jahrhundert waren wir eine revolutionäre Nation; heute sind wir eine der konservativsten der Welt."

Geschrieben hat den Satz der Freisinnige Max Imboden, Staats- und Verwaltungsrechtsprofessor an der Universität Basel. Vor fünfzig Jahren, 1964, in einem dünnen Büchlein von 42 Seiten. Es hieß: Helvetisches Malaise.

Das Pamphlet, wie Imboden seinen Zuruf selber bezeichnete, war ein Bestseller. 20.000 Exemplare wurden damals verkauft. "Begeisterte Zustimmung", schreibt der Jurist nur Tage nach der Veröffentlichung in sein Tagebuch. Und der Titel des Werks, das Malaise, brannte sich in das kollektive Bonmot-Gedächtnis.

Heute ist die Schrift aktueller denn je. Nicht, dass das Land seit den sechziger Jahren stehen geblieben wäre. Aber vieles, was damals seinen Anfang nahm, kommt heute zu seinem Abschluss.

Das Jahr 1964 ist ein année fantastique. Entlang dem Genfersee wird die Autobahn eröffnet, "Can’t Buy Me Love", singen die Beatles, und an der Expo 64, der Landesausstellung, zeigt sich das Land ebenso wehrhaft wie verspielt. Die Armee demonstriert ihre Schlagkraft in einem Beton-Igel, während draußen die Heureka-Maschine von Jean Tinguely rattert und knattert. Es ist aber auch das Jahr, in dem die Mirage-Affäre den Politikbetrieb erschüttert, der Bundesrat das sogenannte Italienerabkommen unterschreibt, das den Gastarbeitern aus dem Süden mehr Rechte einräumt; gleichzeitig wird die "Überfremdung" zur politischen Frage. Es ist auch das Jahr, in dem Gewässerverschmutzung, Luftverpestung, Bodenverteuerung und die fehlende Raumplanung immer mehr drängen.

Kurzum: 1964 kommt die Schweiz in der Moderne an.

Auch der 49-jährige Imboden besucht die Expo in Lausanne. Er notiert: "Die Zukunft bleibt nichts als Ausblick ins Ungewisse, als Programm und Forderung." Er ist damals Kantonsrat in Basel-Stadt, Rektor der Universität und kandidiert auf der freisinnigen Nationalratsliste. Ein Bürgerlicher, ein Citoyen. Keiner der Nonkonformisten, wie sie gegen Ende des Jahrzehnts den Strand unter den Pflastersteinen suchen sollten. Imboden ist, wie eine Zeitung schreibt, "einer jener kritischen Eidgenossen, die zwar unser Staatswesen und seine Einrichtung nach wie vor bejahen, aber gleichzeitig von nagenden Zweifeln ergriffen sind".

Ein leidenschaftlicher Aufruf zum Handeln

Zuversicht und Zweifel. Sie zerren auch 50 Jahre später an der Schweiz. Hier die brummende Wirtschaft, agil geschäftend im globalen Netz. Dort die Sehnsucht nach der Scholle, durchgesetzt in bauchgesteuerten Volksentscheiden, wie jenem vom 9. Februar. "Der Hauptmangel", schreibt Imboden in seinem Tagebuch, "ist das helvetische sich Abschließen, die Angst vor den anderen".

An ihrem Land gelitten haben in den sechziger Jahren viele: Karl Schmid, Max Frisch, Jean Rudolphe von Salis. Aber, und das macht die Imboden-Lektüre so anregend, der Rechtsprofessor verharrt nicht in der Kritik. Helvetisches Malaise ist keines der Werke, wie sie in den kommenden Jahrzehnten in Wellen den einheimischen Buchmarkt fluten sollten. Keine Heimatbeschimpfung, keine Untergangsvision, weder ein Weiß- noch ein Schwarzbuch. Nein, es ist in erster Linie: ein leidenschaftlicher Aufruf zum Handeln. Ein Aufruf an jeden Einzelnen.

"Wir haben keine institutionellen Verantwortlichkeiten mehr. Der Apparat ist zur beherrschenden Macht geworden", schreibt der Hochschullehrer und spätere Präsident des Schweizerischen Wissenschaftsrats. Er reklamiert den fehlenden Reformwillen, die politische Propaganda, die sinkende Wahl- und Stimmbeteiligung und die Dominanz der Verwaltung über Regierung und Parlament. "Dagegen zu handeln ist die politische Aufgabe unserer Zeit."

Imboden nimmt sich selbst beim Wort. Von 1965 bis 1967 sitzt er für die Freisinnigen im Nationalrat, wo er für eine Totalrevision der Bundesverfassung weibelt. Aber er will den Tisch nicht umstürzen, nur weil ihm nicht passt, wie er gedeckt ist. "Mehr Freiheit, weniger Staat", dieser Slogan, mit dem Imbodens Partei 1979, zehn Jahre nach seinem frühen Tod, in den Wahlkampf zieht, wäre dem Staatsrechtler ein Gräuel.

Er ist der felsenfesten Überzeugung: Für den Staat und seine Institutionen lohnt es sich zu kämpfen. Sie haben Zukunft.

Und so fragt man sich bei der Lektüre des schmalen Traktats, wo denn heute unser Imboden ist? Gerade unter den Freisinnigen, gerade unter der Bundeshauskuppel. Eine Stimme, die sagt: "Wo immer die Demokratie Bestand hat, wird der Demos beraten und geleitet." Eine Stimme, die klarmacht, dass Volksrechte nicht dazu da sind, es denen da oben zu zeigen. Dass sie vielmehr ein Instrument des Zusammenwirkens zwischen Bevölkerung und Staat sind und als solche "Institutionen des Einverständnisses". Doch heute stellt sogar die Neue Zürcher Zeitung, einst das Zentralorgan des eidgenössischen Liberalismus, den Volkswillen über alles – und verunglimpft die Grundlagen des liberalen Staates als "irgendwelche 'Grundprinzipien'". Max Imboden, der public intellectual und regelmäßige NZZ- Autor, hätte vermutlich gekontert: "Wer im Kleinen und im Großen über das Grundgesetz des Staates hinweggeht, hat zugleich an ein geistiges Kapital gerührt." Und angefügt: "Angst vor dem Richter ist eine typische helvetische Haltung geworden. Überall, wo man das Wagnis tat und dem Richter in Verwaltungs- und Verfassungsstreitigkeiten großzügige Befugnisse verlieh, hat sich der Schritt als segensreich erwiesen."

Legt man also nach 42 Seiten das Helvetische Malaise zur Seite, beschleicht einen das Gefühl: Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie geht im Kriechgang.