DIE ZEIT: Herr Milan, Sie sind seit zwei Jahren Nachtbürgermeister von Amsterdam. Ein anstrengender Job?

Mirik Milan: Es ist kein Job, sondern ein Ehrenamt, um das man sich bewirbt! Die Idee stammt von einem Rotterdamer Dichter, der jahrzehntelang die Nacht zum Tag gemacht hatte und so auch für die Regierung zu einer Autorität geworden war. 2003 haben auch die Amsterdamer Stadtväter beschlossen, dass sie jemanden brauchen, der ihnen erzählt, was in der Stadt los ist, wenn sie längst im Bett sind.

ZEIT: Und, was haben Sie zu erzählen?

Milan: Meine wichtigste Botschaft lautet: Nachtleben ist mehr als Party, es ist ein wichtiger Standortfaktor. In der Nacht entstehen die besten Ideen, sie ist ein Nährboden für junge Leute, die sich ausprobieren wollen, als Promoter, Fotograf, Designer von Fanzines. Eine Stadt, ohne aktives Nachtleben hat keine Dynamik.

ZEIT: Verstehe, Ihnen geht es ums Image. Da wird es Sie nicht freuen, dass das Amsterdam-Bild auch der jüngeren Deutschen noch aus den siebziger Jahren stammt. Sie lieben Amsterdam, weil man hier legal Haschisch und Marihuana konsumieren kann. Als die Stadt ankündigte, die Anzahl der Coffeeshops zu reduzieren, ging ein Aufschrei durch die deutsche Presse: Amsterdam verliert seinen Spirit!

Milan: Ganz sicher nicht. Gerade mal 70 von über 270 Coffeeshops sollen geschlossen werden, weil sie in der Nähe von Schulen liegen. Es wird also noch genügend Orte geben, an denen man gepflegt seinen Joint rauchen kann. Doch als amtierender Nachtbürgermeister möchte ich den deutschen Kids an dieser Stelle sagen: Wir haben mehr zu bieten! Nicht nur für die Größe der Stadt ist Amsterdams Nachtleben spektakulär: Fast jedes Wochenende gastiert irgendwo ein DJ-Superstar. Und bisher dachte ich, dass sich auch bei unseren Nachbarn herumgesprochen hat, dass wir Weltmeister im Organisieren großer Dance- und House-Partys sind. "Sensation" beispielsweise ist unsere Erfindung.

ZEIT: Gigantische Stadion-Partys, die inzwischen in 16 Ländern stattfinden. Alle tragen weiß, alle hören House. Es könnte sein, dass das für die jungen Leute, für die, die zum Kiffen kommen, zu sehr nach Mainstream riecht.

Milan: Und wenn! Das ist hier nicht wie in Berlin, wo es keine Arbeit gibt und die Leute nachts deshalb so supercool und originell sein müssen. Amsterdam ist eine sehr reiche, produktive Stadt. Hier sind die Leute im Job originell und kreativ, nachts wollen Sie Spaß haben. Mein persönliches Motto lautet: Work hard, party hard!

ZEIT: Dazwischen gibt’s für Sie nichts?

Milan: Wie alle Amsterdamer liebe ich unsere kleinen Kneipen, die hier bruine cafés, braune Cafés, heißen, weil sie oft mit Holz verkleidet sind. Die schönsten liegen in der Altstadt oder im Jordaan-Viertel, mein Favorit ist das Finch am Noordermarkt, dort ist es nicht ganz so düster. Aber eigentlich sind die alle toll. Mir gefällt die Zeitlosigkeit, die Mischung. Da treffen sich alle: alte Männer und Mütter, Schwule, Lesben. Touristen fallen nur auf, wenn sie Wein bestellen. Im bruine café trinkt man Bier.

ZEIT: Und was machen Leute, die kein Bier mögen, am früheren Abend?

Milan: Die gehen auf einen Cocktail in die Vesper Ba oder ins Amsterdam, eine extrem entspannte Brasserie in einem alten Gaswerk, westlich der Innenstadt: riesige Räume, hohe Decken, internationale Küche. Ich esse da gerne ein Steak.

ZEIT: Danach ist es wohl Zeit, Ihrem Motto gerecht zu werden. Wo steigt die harte Party?

Milan: In meiner Jugend gab es exakt fünf Locations, die infrage gekommen wären. Inzwischen sind es bestimmt 25, die ich alle empfehlen könnte. Das Trouw aber ist ein absolutes Must. Der Club liegt im Osten der Stadt, in einer aufgelassenen Druckerei. Ziemlich rough dort, rohe Betonwände, brutal guter Sound. Hier können Sie sicher sein, dass Sie keiner um eins in der Früh vor die Tür setzt.

ZEIT: Sonst nicht? Mit einer Sperrstunde rechnet in Amsterdam keiner.

Milan: Vergangenes Jahr, als ich mit der Stadt über die Öffnungszeiten verhandelt habe, war das genau mein Argument: Wir haben den Ruf, wahnsinnig liberal zu sein, sind es in vieler Hinsicht aber nicht. Und wenn wir nicht aufpassen, bekommen die Leute das irgendwann mit. Das hat funktioniert. Seit 2013 dürfen immerhin fünf Clubs öffnen und schließen, wann sie wollen. Der neueste, Tolhuistuin, hat gerade erst eröffnet, draußen in Noord, auf dem Gebiet der ehemaligen Werft, wo in den vergangenen Jahren ein neues Viertel entstanden ist.

ZEIT: Wie kommt man da um diese Zeit hin?

Milan: Die Fähre vom Hauptbahnhof über den IJ fährt die ganze Nacht. Tolhuistuin liegt gleich am Wasser, acht Pavillons, mit Restaurants, Cafés, Art-Space, Hip-Hop-Schule und einem großen Garten. Wenn man will, kann man da den ganzen Tag verbringen. Abends gibt’s Konzerte, später öffnet der Club. Wenn man da wieder rauskommt, spürt man die Stadt nicht mehr: Man schaut übers Wasser, sieht die alten Docklands, die Kräne ...

ZEIT: … und kriegt langsam wieder Hunger. Wo bekommt man um diese Zeit noch etwas zu essen?

Milan: In Amsterdam? Nirgends, fürchte ich. Für Imbisse gelten noch die alten strengen Öffnungszeiten. Solche kleinen 24/7 Läden, wie Sie die in allen anderen großen Städten finden, gibt’s natürlich auch nicht. In einer Händlerstadt! Nachts sind viele Amsterdamer immer noch Calvinisten, da wissen sie genau, was erlaubt ist und was nicht.