Wer die Farbe Türkis mag, der ist im One Ocean Hotel in Jacksonville am rechten Ort. Die Teppiche, die Tapeten – alles sattes Türkis. Die Muscheln an den Wänden, wie Eierbecher geformt, ebenfalls türkis. Dazu passend der Brunnen, vor dem der kleine Mann aus Deutschland schon seit einer Weile staunend steht. Hans-Hubert ("Berti") Vogts betrachtet ein Wasserspiel, das sich zu seinen Füßen in ein türkisfarbenes Becken ergießt.

Offenbar ist Vogts, 67 Jahre alt, noch nicht so richtig in Florida angekommen. Seine Haare sind wirr gescheitelt, seine geröteten Wangen sind nicht rasiert, die Sportschlappen trägt er unter dem Arm. Vogts macht den Eindruck, als habe ihn der Atlantik gerade eben in das Hotelfoyer gespült. Er ist sich unsicher, deshalb fragt er: "Jürgen, ist es eigentlich kalt draußen?" Klinsmann überlegt nur den Bruchteil einer Sekunde: "Nein, Berti, ist nicht kalt, 34 Grad." Vogts hat verstanden. Okay, heute keine Jacke!

Gut möglich, dass dies bis auf Weiteres die letzte Frage war, die Jürgen Klinsmann, 49, beantworten muss. Ab sofort stellt der Coach der US-amerikanischen Nationalmannschaft die Fragen. Und zwar an Vogts. Der ist eigentlich Trainer von Aserbaidschan. Weil sich die Jungs aber nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert haben, hat Vogts in diesen Wochen viele freie Tage. "Ich kenne den Jürgen, seit er 17 ist", sagt Vogts, eine Grundlage einer symbiotischen Beziehung.

Irgendwann im Frühjahr "bot der Jürgen mir den Job des WM-Advisors beim Italiener in Düsseldorf an". Berti nickte. Er habe umgehend, so erinnert sich Klinsmann, "den Plan an den Präsidenten des Fußballverbandes von Aserbaidschan adressiert". Der nickte ebenfalls. Damit war eine der wundersamsten, vielleicht auch wunderbarsten Paarungen im Fußball perfekt.

Eine Union, so scheint es, von gestern und heute, ein clash of cultures . Hier Klinsmann: Abteilung Avantgarde, créateur des Tempofußballs, Weltbürger, Los Angeles – dort Berti Vogts: "der Terrier", deutsche Tugenden, Büttgen, Niederrhein. Was kommt heraus, wenn die beiden jetzt die Kräfte bündeln? Es geht – diesmal wirklich – um alles. Die Amerikaner mit Klinsmann und Vogts spielen in einer Gruppe mit Deutschland. Am 26. Juni treffen die Amerikaner in Recife auf die Deutschen – anders ausgedrückt, es kommt zum Äußersten: Dann spielt Berti Vogts gegen Deutschland. Ist das eigentlich erlaubt?

Vogts findet die Frage "bescheuert", aber er weicht ihr auch nicht aus. "Berti spielt jetzt gegen sich selbst!" Natürlich habe er die Schlagzeilen gelesen. "Nein, tue ich doch gar nicht", beteuert er. Sein Gesicht verrät jedoch, dass ihn der Vorwurf sehr bedrückt. Die Stirn wirft tiefe Falten. Wird er im fortgeschrittenen Alter plötzlich ein "vaterlandsloser Geselle"? Die Frage trifft Berti Vogts ins Mark. Da kann er sich kaum wehren, da ist er außer sich. Früher hat er sich gerne mit Helmut Kohl getroffen – "Ein Begriff wie Vaterland, der ist für mich doch heilig!".

Worum es dann geht? Im Laufe der Zeit habe er gelernt, "ein Spiel zu lesen", vorauszuahnen, wie sich ein Match entwickle. "Von draußen draufschauen, in Ruhe". Einem Trainer, der in alldem Getümmel nichts mehr sieht, wie es Klinsmann in der Vergangenheit passiert ist, Ratschläge geben, vielleicht auch nur den einen wirklich guten Rat. "Genau darum hat mich der Jürgen gebeten." Für die Dauer von zwei Monaten einfach in der Nähe zu sein. Wenn Klinsmann eines aus der Zeit als Trainer der deutschen Nationalmannschaft und des FC Bayern gelernt hat, dann, dass man sich sehr einsam fühlen kann als Trainer im Sturm eines Turniers. So weltoffen der in Amerika lebende Schwabe auch sein mag, manchmal hilft es, jemanden wie diesen Berti Vogts zu haben, ein Mann, an dem sich Verlierer wieder aufrichten können.