Cristiano Ronaldo aus Portugal ist kürzlich zum Weltrangobersten seiner Zunft gewählt worden, also zum besten Fußballer der Gegenwart. Zur Pressekonferenz, die am Tag vor dem Spiel der Portugiesen gegen die Deutschen im Stadion von Salvador stattfindet, erscheint er mit einer Verspätung von 65 Minuten – er zieht sozusagen eine Schleppe aus königlicher Zeit hinter sich her. Während der Pressekonferenz fragt er beiläufig: "Ich war zu spät?", ehe er das Stadion im Kreise seiner Bodyguards (angeblich sind es vier) zügig verlässt. Voila: ein Weltstar.

Man kann es auch anders machen. Philipp Lahm, Teamkollege Ronaldos in der von der Fifa zusammengestellten Weltelf der besten Fußballer, ist ein höflicher, pünktlicher Mann, dessen einzige Eitelkeit sich in der Makellosigkeit seines Spiels verrät. Alle seine Läufe und Pässe haben Maß und Perfektion. Auf seine Weise ist er vielleicht der Allerbeste: Er ist auf mindestens drei Positionen einsetzbar. Im Spiel gegen Portugal, dem 4 : 0 von Salvador de Bahia, kamen sich die beiden Kapitäne, Lahm und Ronaldo, kurz vor Schluss einmal recht nahe: Ronaldo, am Rande der Verbitterung, versuchte ein paar klappernd mechanische Übersteiger, der Ball ging ihm verloren, und Lahm, gelassen und arbeitsam, als wische er Schmutz aus der Gefahrenzone, spielte den Ball nach vorn.

Gespräch mit Lahm, wenige Tage vor dem Spiel gegen Portugal. Unter einem Sonnendach zwischen zwei Pools, 150 Meter entfernt vom Strand, sitzt er, der Kapitän der deutschen Mannschaft. Lahm lächelt ganz leicht, während er spricht. Drei Bereiche gibt es, in denen man jung zum Weltstar werden kann, den Film, die Popmusik – und den Fußball. Und einen unarroganteren Weltstar wird man kaum finden als Lahm, den Konstruktivisten unter den Fußballern; nichts an seinem Spiel ist Show; was er tut, dient der Struktur des Spiels.

Frage: Wenn er mit einer Zeitmaschine zurück ins Jahr 1974 reisen könnte, in die Zeit zehn Jahre vor seiner Geburt, und sich mit den deutschen Weltmeisterspielern von 1974 messen müsste – hätte dann irgendeiner von denen, Beckenbauer, Breitner, Hoeness, eine Chance? Wäre Lahm ihnen allen körperlich nicht total überlegen?

Lahm: "Die Frage habe ich mir tatsächlich schon gestellt. Kürzlich habe ich im Fernsehen Ausschnitte aus dem WM-Finale 1974 gesehen. Das war ein ganz anderes, viel langsameres, weniger athletisches Spiel als heute. Ich bin gespannt, wo der Fußball noch hingeht – man kann sich kaum vorstellen, dass es noch schneller und athletischer wird. Offenbar entwickelt sich der menschliche Körper aber immer noch weiter, wird robuster und dynamischer. Aber übrigens: Die Spieler der Vergangenheit, das waren Superspieler – man wird sie nie mit denen von heute vergleichen können."

Aber vermutlich hätte er sie alle in Grund und Boden gespielt ...

"Es sieht jetzt, von heute gesehen, so aus. Das muss ich ganz klar sagen. Aber man kann es nicht vergleichen. Ich erinnere mich, wie Franz Beckenbauer ganz locker und gemütlich den Ball 50 Meter unangefochten übers Feld getrieben hat. Das gibt es halt heute nicht mehr, das geht nicht."

Lahm gilt als ein Mann mit 360-Grad-Blick, also einem umfassenden Raumgefühl. Heißt das, dass man sich beim Spiel auf dem Spielfeld sozusagen von oben selbst sieht wie eine Playstation-Figur?

"Man weiß, wo man ist, es gibt immer Anhaltspunkte: die Mittellinie, den Sechzehnmeterraum – und so weiß man auch, wo man platziert sein müsste. Man hat das Spielfeld sozusagen in Sektoren aufgeteilt. Aber dass man das Spielfeld von oben sähe und sich selbst darauf – nein, das nicht."

Sieht er vor seinem inneren Auge schon den Pass, den er gleich spielen wird?

"Man sieht oft in der Bewegung eines Spielers, was er vorhat. Man ahnt also etwas voraus. Wir spielen so lange zusammen, dass wir an einem Bewegungsablauf schon vieles erkennen können."

Lahm könnte Schiedsrichter in einer Partie sein, in der er selber mitspielt

Urs Siegenthaler, der Spielbeobachter der deutschen Mannschaft, hat kürzlich geklagt, dass beim Confed Cup in Brasilien im vergangenen Jahr, der Generalprobe zur WM, die brasilianische Mannschaft sehr viele gegnerische Angriffe durch taktische Fouls unterbrochen habe, die zum größten Teil von den Schiedsrichtern nicht geahndet wurden. Wenn das bei der WM auch so laufe, dass also die Schiedsrichter aus Angst vor dem Publikum die brasilianische Mannschaft bevorzugen, dann, so Siegenthaler, sei die WM schon entschieden. Frage an Philipp Lahm: Was tut man als Spieler, wenn man auf dem Platz das Gefühl hat, der Schiedsrichter gibt das Spiel aus der Hand – aus Panik?