DIE ZEIT: Herr Moscovici, auf Ihrer persönlichen Homepage steht ganz oben ein Zitat des französischen Intellektuellen und Politikers Léon Blum: "Frei ist, wer keine Angst davor hat, seine Gedanken auch zu Ende zu denken." Wieso zitieren Sie Blum?

Pierre Moscovici: Er ist eine Symbolfigur der französischen Linken. Der erste linke Regierungschef. Ein Kämpfer gegen die Kommunisten. Von den Nazis verfolgt. Ein großer Intellektueller, der natürlich in einer ganz anderen Zeit lebte, mit ganz anderen Problemen. Aber Blum hat sich immer mit den Grenzen des menschlichen Denkens beschäftigt. Er hat ja am eigenen Leib erlebt, welche Folgen es hat, wenn Menschen sich täuschen. Wenn sie nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnehmen und nicht das große Ganze. (Moscovici zieht sein Mobiltelefon aus der Sakkotasche. Auf der Rückseite ist ein Schwarz-Weiß-Foto von Léon Blum zu sehen.) Sehen Sie, ich trage ihn immer bei mir.

ZEIT: Wie würde Blum heute auf Europa schauen?

Moscovici: Mit Verwunderung. Er hat sich immer für den Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich eingesetzt, obwohl ihn die Nazis sogar nach Auschwitz deportiert hatten. Für ihn war das gemeinsame Europa die Lösung, nicht das Problem.

ZEIT: Und heute ist es umgekehrt?

Moscovici: Ich wundere mich jedenfalls sehr über das gegenseitige Misstrauen, das man seit der Europawahl überall in der EU spürt. Ich fürchte, dass man viel zu sehr in Klischees oder Stereotypen denkt.

ZEIT: Seit der Europawahl fürchten die Deutschen, dass die französische Regierung weniger sparen und mehr Geld ausgeben wolle.

Moscovici: Ich habe das von keinem deutschen Regierungsmitglied gehört.

ZEIT: Rückt Frankreich nun vom Sparkurs ab?

Moscovici: Natürlich nicht.

ZEIT: In Deutschland glauben das nicht viele.

Moscovici: Das sind genau die Stereotype, die ich meinte. Ich würde mir manchmal etwas mehr Verständnis wünschen. Frankreich meint es sehr ernst mit seinen Reformen. Wir kürzen die Staatsausgaben innerhalb von drei Jahren um 50 Milliarden Euro. Wir senken die Arbeitskosten und die Kosten der Verwaltung, die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit ist eine unserer Prioritäten. Wir machen eine umfassende Verwaltungsreform und reduzieren die Zahl unserer Regionen – in Deutschland würde man sagen: die Zahl der Bundesländer – von 22 auf 14. Das sind alles sehr weitreichende Einschnitte.

ZEIT: Reicht das denn, um ihr Land aus der Krise zu führen?

Moscovici: Wenn ich die Kritik an Frankreich höre, frage ich mich manchmal, von welchem Land eigentlich die Rede ist. Frankreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone und die fünftgrößte auf der Welt. Die Investoren an den Finanzmärkten sind bereit, uns zu sehr günstigen Konditionen Geld zu leihen. Das würden sie nicht tun, wenn mein Land am Abgrund stünde. Frankreich und Deutschland sind sehr verflochten, unser Außenhandel mit Deutschland beträgt rund 170 Milliarden Euro. In meinem Wahlkreis steht eine große Fabrik des Automobilzulieferers Faurecia, 5.000 Beschäftigte, Kunden in aller Welt. Ein Drittel der Produktion geht nach Deutschland, an Volkswagen, BMW, Mercedes. Wenn ich deutsche Automanager treffe, schwärmen sie von der enormen Qualität dieses Zulieferers. Ich würde mich freuen, wenn in der öffentlichen Debatte auch diese Dinge gesehen würden.

ZEIT: Die Franzosen selbst scheinen mit ihrem Land in letzter Zeit nicht sehr zufrieden zu sein.

Moscovici: Viele Franzosen fühlen sich bedroht. Sie fühlen sich als Teil einer großen Nation, die vor dem Abstieg steht. Sie glauben nicht mehr an die Zukunft. Sie hängen vielleicht den Zeiten nach, in denen Frankreich eine Weltmacht war. In meinem Wahlkreis, von dem ich Ihnen gerade erzählt habe, haben ungefähr 35 Prozent der Wähler den Front National gewählt. Da gibt es Ängste, die mit der Realität wenig zu tun haben.

ZEIT: Ist der Aufstieg der Rechten in Frankreich national begründet? Oder liegt es an Europa?

Moscovici: Es gibt offensichtlich überall in Europa ein Problem, und das ist die Abstiegsangst der Mittelschicht. Die Menschen sehen die enorme Arbeitslosigkeit in vielen Ländern; sie fürchten, dass Europa ihre Probleme nicht löst, sondern vergrößert. Wir müssen diese Menschen wieder in Arbeit bringen. Wir brauchen Jobs, Jobs, Jobs. Das ist die Aufgabe, die mir die französische Regierung übertragen hat: darüber nachzudenken, wie wir in Europa gemeinsam für Wachstum und Arbeitsplätze sorgen können.