Pastötter ist Sexualwissenschaftler und Präsident der Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS). Er arbeitete am renommierten Kinsey Institute for Research in Sex, Gender and Reproduction der Indiana University, promovierte über Hardcore-Pornografie und hat ein Diplom in Sexualtherapie. Viele kennen ihn vom Fernsehen, dort war er der wissenschaftliche Leiter des ProSieben - Sexreports.

Seiner Ansicht nach fehlt in Deutschland die wissenschaftliche Meinungsvielfalt, wenn es um Wirkung von Pornos geht. "Das hat unter anderem mit den begrenzten Mitteln für sexualitätsbezogene Studien zu tun", sagt Pastötter. Aber auch mit einer institutionellen Problematik: "Die deutsche Sexualwissenschaft hat seit ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten nicht mehr zur pluralistischen Meinungsvielfalt und zur internationalen Kooperation zurückgefunden." Pastötter ist mit Fachkollegen international vernetzt und mit seiner Sicht nicht allein. Die deutsche Sexualforschung – eine Hamburger Schule?

Tatsächlich fällt auf, dass sexualwissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre, vor allem jene aus Hamburg, vorrangig das Gleiche bekunden: Pornografie sei nicht schädlich für die Jugend, denn diese betrachte sie differenziert.

So schrieben die Hamburger Sexualwissenschaftler Silja Matthiesen und Gunter Schmidt vor drei Jahren in einer gemeinsamen Interviewstudie: "Jugendliche gehen mit dem Internetangebot wählerisch um, ihre sexuellen Vorlieben und Strukturen bestimmen den Pornografiekonsum, nicht umgekehrt."

Und weiter: "Jugendliche unterscheiden klar zwischen ihrer realen und der virtuellen sexuellen Welt und wollen die eine nicht durch die andere ersetzen. Sie gucken sich solche sexuellen Fertigkeiten und Variationen ab, die zu ihren Wünschen passen, und beginnen deshalb heute vermutlich früher damit, orale Praktiken und unterschiedliche Stellungen auszuprobieren. Sie grenzen sich kritisch vom in der Pornografie vermittelten Frauenbild ab und haben wenig Angst, sich damit anzustecken. Ihr Umgang mit Pornografie ist unaufgeregter als die öffentliche Diskussion darüber."

Es sind diese Aussagen der "Hamburger Schule" die nicht nur Pastötter, sondern auch andere Sexualwissenschaftler problematisch finden. Karla Etschenberg, emeritierte Professorin, die an den Universitäten Kiel und Flensburg Humanbiologie und Gesundheitserziehung lehrte, stimmt Pastötters Kritik zu: "Das ist eine angemaßte Deutungshoheit der Hamburger Kollegen. Wer so etwas behauptet, ignoriert Lernpsychologie und Neurobiologie. Natürlich lernt unser Gehirn von dem, was wir sehen und erfahren. Und wenn junge Menschen Pornos konsumieren, lernen sie von der Pornografie, verinnerlichen Normen und Standards. Ob sie sie auf sich selbst übertragen, kann man eigentlich gar nicht wirklich erforschen, da es keine Parallelversuche gibt."

Etschenberg war acht Jahre lang Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtserziehung (DGG) und ist im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz der Landesstelle Nordrhein-Westfalen. Sie kritisiert: "Pornografie wird von manchen Sexualexperten sogar als etwas Positives für Jugendliche gesehen, als etwas, was zur wünschenswerten Aufklärung beiträgt." Will heißen: Jugendliche lernen Sex durch Pornografie. Pornografiekritiker sagen, das sei, als lernten Jugendliche den richtigen Umgang mit Alkohol von einem Trinker.

Auch Forscher, die sich nicht zu erklärten Gegnern der Hamburger Perspektive zählen, sind sicher, dass das Pornogucken nicht ohne Folgen bleibt. "Es wäre doch naiv, zu glauben, dass solche Bilder und Filme nicht die Vorstellung von Sexualität junger Menschen beeinflussen können", sagt der Berliner Sexualwissenschaftler Klaus Beier.

So berichten Therapeuten aus der klinischen Praxis vermehrt von Teenagern, die versuchen, Szenen, die sie im Porno gesehen haben, nachzuspielen. Von jungen Frauen, die ihre Schamlippen operieren lassen wollen, weil sie nicht so aussehen wie bei den Darstellerinnen in den Sexclips. Von jungen Männern, die eingeschüchtert sind, von Penissen so groß wie Salatgurken und Schauspielern, die ewig und jederzeit eine Erektion aufbieten können.

Der "Porno-Chic" sorgt für Leistungsdruck. "Je unsicherer Personen sind, desto stärker wird die anzunehmende Vergleichsmotivation ausfallen", schreiben Beier und seine Kollegen in einem Aufsatz. Sie vermuten, dass neben den übertriebenen Pornodarsstellungen selbst ein im Prinzip erfülltes Sexleben fad erscheint und "die Unzufriedenheit mit der eigenen Sexualität bzw. dem eigenen Körper steigt".

Sogar die Jugendlichen selbst halten Pornografie mitunter für problematisch, wie die Studie über Pornos im Netz der Stuttgarter Professorin Petra Grimm zeigt. Allerdings neigten die meisten von ihnen dazu, die Pornos nur als Risiko für die anderen, aber nicht für sich selbst zu sehen.

Möchte man mit den Hamburger Wissenschaftlern über ihre Thesen zum Thema sprechen und auch über die Vorwürfe, dass sie damit ein Meinungskartell bildeten, wird es schwierig. Sie habe das Gefühl, zu diesem Thema alles schon gesagt zu haben, schreibt Silja Matthiessen in einer E-Mail und verweist auf ihre Publikationen. Ihr Forscherkollege Gunter Schmidt antwortete bis Redaktionsschluss gar nicht auf die Anfrage.

Der Jugend- und Sexualwissenschaftler Kurt Starke hält die Theorie vom Hamburger Verharmloser-Monopol für "großen Quatsch" (siehe Interview). Er hat selbst bereits viel mit Schmidt und Matthiesen geforscht.

Die Hamburger Behörden jedenfalls planen, gemeinsam mit Beratungsstellen, eine Webseite zur Aufklärung und zu sexuellem Cybermobbing. Schließlich gibt es im Internet nicht nur Pornografie, sondern auch Informationen.

Mitarbeit: Hanna Grabbe Autor Christoph Wöhrle hat das kürzlich erschienene Buch "Digitales Verderben. Wie Pornografie uns und unsere Kinder verändert" geschrieben.