Läuft man die Treppen hoch, die marmornen, ragt am Ende, auf einem Plateau, ein Hüne aus Holz in Ritterrüstung auf. Der Mann, 2,60 Meter groß, stemmt sich auf ein Schwert, er trägt ein Schild und einen Brustpanzer. Sein Blick geht stur geradeaus, auf ein breitflächiges Schlachtfeldpanorama, auf berstende Bomben und rennende Soldaten, auf Flieger und Schützengräben. Er schaut auf das Elend seiner Zeit.

Die Figur des Isern Hinnerk stammt aus Altona. Der Eiserne Heinrich lebte im 14. Jahrhundert und kämpfte als Söldner in ganz Europa. Als das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg Geld für Waffen brauchte, erinnerte sich das Rote Kreuz an den Helden aus dem Mittelalter. Es ließ ihn aus Holz bauen, stellte ihn auf den Bahnhofsvorplatz in Altona, und jeder, der dort vorbeikam, konnte Nägel kaufen, um dem Eisernen Heinrich einen Teil seines Kettenhemdes zu schenken. Es gab kleine Nägel und große Nägel, sogar vergoldete Nägel mit Widmung.

Das Rote Kreuz sammelte für den Krieg: Heute würde man das Prinzip "Crowdfunding" nennen.

Das ist das Verblüffende an der Ausstellung Propaganda 14/18 im Museum für Kunst und Gewerbe: Sie erzählt von Methoden der Meinungslenkung im Ersten Weltkrieg und zeigt darin Entwicklungen auf, die früh erdacht wurden und in unseren digitalen Zeiten als Erfindung des Netzzeitalters gefeiert werden.

Eine ganze Etage hat das Museum freigeräumt, 1000 Quadratmeter. Es hätte eigentlich noch mehr sein müssen, so dicht gedrängt hängen Kaiser-Karikaturen neben britischen Plakataufrufen "Boys come over here, you’re wanted", stehen Kinderbücher wie Max und Moritz im Felde neben Hindenburg-Büsten. Die Ausstellung folgt keiner strengen Ordnung, sie springt zwischen Zeiten, Medien und Ländern, reißt Themen an, nimmt sie später wieder auf. Der Rundgang gleicht einem Computerspiel: Man läuft in alle Richtungen und tastet sich vor. Das kann ermüden. Doch nach einer Weile begreift man Zusammenhänge, erreicht das nächste Level.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild. © Courtesy of Library of Congress, Washington D.C./MKG Hamburg

Propaganda, made in America, das sah so aus: Ein deutscher Soldat reißt einer Krankenschwester die Kleider vom Leib. Sie wehrt sich, er greift einen Säugling, schmeißt ihn aus dem Fenster. Der wilde Deutsche, der widerwärtige Hunne, Engländer und Amerikaner entwarfen das Bild des enthemmten Feindes als Reaktion auf den deutschen Einmarsch in Belgien. Sie kultivierten das Gräuelmotiv, sponnen parallel dazu Heldengeschichten. Jahre später noch reckt die Krankenschwester auf alliierten Plakaten Hilfe suchend ihre Arme in die Luft, zu sehen im letzten Raum der Ausstellung. Es war eine Kampagne, die, modern gesprochen, viral verlief.

Propaganda formte das kollektive Gedächtnis, diente als Mobilmacher für Reservisten, als Anreiz, Geld für Waffen zu spenden. Die Stars der Zeit stellten sich auf Bühnen und warben für Staatsanleihen. Der junge Charlie Chaplin trat, noch ohne Bart, auf dem Times Square auf. Er wirbelte mit den Armen, brüllte in ein Megafon. Mehr als hunderttausend Menschen standen vor ihm, sie johlten bei seinen Verrenkungen. Die Wirkung war enorm: Künstler beglaubigten den Krieg, davon ließen sich die Amerikaner mitreißen und spendeten Millionen. Das Prinzip funktionierte so gut, dass Präsidentschaftskandidaten es sich aneigneten, um ihren Wahlkampf zu finanzieren. Frank Sinatra sang für John F. Kennedy, Beyoncé für Barack Obama.