Eine Parzelle ist ein vermessenes kleines Stück Land. Es kann bebaut oder landwirtschaftlich genutzt werden. Man kann natürlich auch ein Sofa daraufstellen und unter freiem Himmel Fußballweltmeisterschaft gucken. Das ändert aber nichts am Prinzip der Parzelle. Aus dem offenen Raum werden viele kleine, abgegrenzte Räume. Wo meine Parzelle endet, fängt deine an und umgekehrt.

Meine hat die Nummer 469. An der Rückwand meines Korbgeflechtsofas, eines orthopädisch bedenklichen Zweisitzers, hängt das betreffende Schild. Daneben stehen links 468 und rechts 470. Insgesamt sind es 750 nummerierte Sofas, die, unterteilt in sechs Sektoren und 750 Parzellen, während der Fußballweltmeisterschaft im Stadion Alte Försterei stehen. Es befindet sich im östlichsten Berliner Stadtteil Köpenick und gehört dem Zweitligisten 1. FC Union. Dieser Verein, zu DDR-Zeiten ein Erzrivale von Dynamo Dresden, gilt als ebenso zäher wie munterer Überlebenskämpfer. Ein Verein mit bisweilen unkonventionellen Geschäftsideen und eingeschworener Fangemeinde. Die Fans des 1. FC Union haben beispielsweise aus eigener Tasche mitgeholfen, ihr Stadion zu renovieren. Vor einigen Jahren kamen sie auf die Idee, an den Adventswochenenden im Stadion Weihnachtslieder zu singen. Ein Riesenerfolg. Von Advent zu Advent strömten immer mehr Menschen zum Stadionsingen. Und jetzt hatte der 1. FC Union wieder so eine überraschende Idee: ein WM-Wohnzimmerstadion mit echten Sofas.

Die Sache mit den Parzellennummern ist organisatorisch durchaus plausibel. Die Sofas sind schließlich Privatbesitz. Sie gehören den Fußballfans, die das Glück hatten, bei der Verlosung einen Stadionsofaplatz zu gewinnen. Vor Tagen haben sie die 750 Leder-, Cord- und Biedermeiersofas, die meisten sehen nach ausrangierter Kellerware aus, ins Stadion geschleppt und aufgestellt, um an den Abenden der WM-Spiele darauf Platz zu nehmen. In der Philharmonie ist es nicht anders. Da haben die Plätze auch Nummern. Auch Autos haben Nummernschilder. Sonst könnte ja jeder einsteigen und losfahren. Und ohne Nummern könnte sich jeder auf die Sofas setzen, nur weil er als Erster im Stadion war.

Es ist aber plötzlich doch ein wenig seltsam, am Donnerstagabend um 19 Uhr wie in der Verkaufshalle eines Möbeldiscounters auf Nummer 469 zu sitzen und auf die Übertragung der WM-Eröffnung in Brasilien zu warten. Rundum hat auch noch niemand seinen Sofaplatz eingenommen. Auf der Bühne kämpfen sich zwei Berliner Radiomoderatoren durch die Minuten. Eine Frau von Radio Fritz sagt den nicht ganz logischen Satz ins Mikrofon: "Es sieht aus wie ein leeres, aber sehr gut gelauntes Publikum."

Zu essen gibt es nichts, und das Bier im öffentlichen Wohnzimmer muss aus Pappbechern getrunken werden

Die Fantasie, dass es hier eher aussieht wie auf dem Truppenübungsplatz, wo Sofarekruten in Reih und Glied verharren, muss jetzt schnellstens mit einem Bier bekämpft werden. Um 19.40 Uhr tut sich glücklicherweise was auf Parzelle 441. Zwei Reihen weiter vorn arbeiten ein paar junge Typen an der Klapptechnik eines Klappsofas. Sie sind ohne Frauen da. Das heißt, sie haben niemanden dabei, der ihnen zeigt, in welche Richtung ein Ikea-Klappsofa aufzuklappen ist. Miserable Handwerker, aber stolze Männer. Sie wollen sich partout aus Parzelle 469 keine Ratschläge zurufen lassen und stellen das Sofa lieber auf den Kopf. Um 20.36 Uhr wird auf der Großleinwand nach Brasilien umgeschaltet. Den elenden Auftritt von Jennifer Lopez muss man einfach ignorieren. Die Sofabesitzer, die so langsam eintrudeln, sind sowieso damit beschäftigt, Handyfotos von sich und ihrem Möbel zu machen.

Ist es pingelig, ist es überheblich, von Parzelle 469 aus so missgelaunt auf die Szenerie zu schauen? Aus der Ferne machte die Aktion des 1. FC Union doch einen recht witzigen Eindruck. Ein Fußballstadion in ein Wohnzimmer verwandeln, das ist schließlich nichts anderes als Public Viewing in seiner konsequentesten Form. Raus aus den einsamen Muffbuden mit Couchtisch und Glotze! Feiern auf der Straße! Das war doch vor acht Jahren ein Heidenspaß, fast ein soziales Erweckungserlebnis. Deutschland kann nicht nur kleinbürgerliches Einigeln im Privaten. Deutschland kann auch spontan und öffentlich, Deutschland kann Party. Das war die herrliche WM-Erfahrung von 2006, als das Sommermärchen aus den Wolken kam und ein Land sich selbst entdeckte, das den verschlabberten Kindernamen Schland trug. Schland besaß, was wahre Stimmung braucht, das Fließende, Offene, Undiktierte. Schland erfand Public Viewing, stellte Großbildfernseher in Kneipen, Leinwände auf der Straße auf. Schland redete auch nicht verbissen davon, dass eine goldene deutsche Fußballergeneration, Schweinsteiger, Lahm, Özil et cetera jetzt oder nie!! den Titel heimbringen und Jogi Löw ohne den Topf sein Lebenswerk versenken kann. Schland entstand ohne Aktion und Idee. Schland ließ es einfach laufen.

Aber aus Schland wurde schon 2010 ein flächendeckendes Event-Konzept mit VIP-Lounges am Brandenburger Tor und viel Kommerz. Schland wurde organisierter Stimmungsleistungsdruck mit 750 gelben Plastikplanen unter 750 Sofas gegen den Regen. Man kann auch sagen: Im Jahr 2014 verwaltet und kapitalisiert Deutschland seine Schlanderinnerung. Deswegen ist die Wohnzimmeridee im Köpenicker Stadion aus der Nähe auch nicht mehr so richtig witzig. Sie ist das Gegenteil von spontan, offen, fließend. Zu Hause stünden jetzt Kartoffelsalat und Grillwürste auf dem Tisch. Das Mitbringen von Essen ist im öffentlichen Wohnzimmer aber verboten. Das Mitbringen von Getränken auch. Das Bier gibt’s außerhalb des Stadions in Pappbechern zu kaufen. Ich habe noch nie während einer WM bei meinem Kühlschrank Bier gekauft.

21.55 Uhr. Die Klappsofamonteure sitzen endlich aufrecht. Auf der Leinwand laufen die brasilianische und die kroatische Mannschaft ein. Die Brasilianer schmettern ihre Nationalhymne, als gäb’s kein morgen. Fußball geht los! Und auf Sofa 469 kommt sie jetzt doch auf, die große Vorfreude. Vielleicht geht die WM ja noch mal gut aus für Deutschland – und das Verwaltete verflüssigt sich wieder. Denn unter der Parzelle liegt der Strand und irgendwo daneben liegt auch Schland.

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