Die Eroberung Amsterdams endet schnell und schmerzhaft – auf dem Pflaster. So also sieht es aus der Nähe aus: rot, leicht vermoost und rutschig. Eine enge Kurve, ein tückischer Kantstein, und schon hatte sich das Vorderrad verkantet. Vor wenigen Tagen erst bin ich nach Amsterdam gekommen, habe ein schönes Zimmer gefunden und als Erstes ein Hollandrad erstanden. Nun liege ich da, das Vorderrad dreht noch nach.

Doch Radfahren macht glücklich, gerade hier. Also rapple ich mich nach meinem kleinen Sturz wieder auf und gleite weiter um die Grachtengürtel. Der erhöhte Sitz eröffnet unerwartete Einblicke in die Stadt: Aus dem Bullauge eines fast versunkenen Hausboots schimmert Licht. Kerzenschein? Im Fenster eines Zuckerbäckergiebels blitzen messingfarben die schlanken Stützen eines Betthimmels. Über ein hohes, schmales Tor winkt schüchtern verborgenes Gartengrün.

Nichts davon ein Ereignis. Alles zusammen jedoch voller Heimeligkeit, die dem Autofahrer ob seiner tief liegenden Perspektive verborgen bleibt. Ebenso wie dem Fußgänger, der den Kopf nicht zu heben wagt, weil er sich ständig vor den Rädern in Acht nehmen muss.

Unweit des Vondelparks binde ich mein Rad vor der Haustür an. Dann träume ich davon, wie ich anderntags durch den Jordaan kreuzen werde und irgendwann vielleicht sogar bis nach Haarlem und an den Strand.

Am Morgen der Blick aus dem Fenster: Das Rad ist fort.

"Ein Tag nur?" Der holländische Freund grinst. "Wenigstens bist du jetzt ein richtiger Amsterdamer." Wieso? Weil hier allen ständig die Räder geklaut werden. Die meisten landen auf dem Schwarzmarkt. Darf man da wohl kaufen? Ich finde, wer einmal Opfer wurde, hat das Recht dazu. Nachmittags stehe ich auf einer einschlägigen Grachtenbrücke. "Fiets? Fiets?", Fahrrad, Fahrad, murmelt jemand. Ich folge, um mein Glück zurückzukaufen. Und ein stärkeres Schloss dazu.