Sie, liebe Leserinnen und Leser, glauben wahrscheinlich, dass Literaturredakteur ein Traumberuf ist. Immer auf der Couch liegen und schöne Bücher lesen, dann darüber ein bisschen schreiben – und dafür auch noch mehr oder minder anständig bezahlt werden: Das klingt zugegebenermaßen paradiesisch. Diesen Glücksverdacht muss man jedoch ganz realistisch relativieren: Die Bücher sind erstens so schön oft nicht, zweitens stapeln sie sich in Unmassen in unseren Büros, eine nicht enden wollende, reißende Flut, in der wir jeden Tag ums Überleben kämpfen, drittens gibt es ja leider die völlig inkompetenten Kollegen, die mit absurden Meinungen und noch viel absurderen Texten viertens bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, aufgrund Ihres, Sie sehen mir meine Offenheit bitte nach, eher schlichten Gemüts enormen Erfolg haben.

Melancholisch ist folglich unsere Grundstimmung – umso dankbarer also ziehen wir aus den turmhohen Stapeln jene Bücher hervor, die uns vielleicht trösten können. Das Handbuch der Ratlosigkeit ist so eines, der Einband aus ungewohntem grauen Schmirgelpapier: 37 kurze, alphabetisch geordnete, allesamt geniale Einträge, verfasst von ebenso vielen Autoren, unter dem Motto "Voraussetzung für das Gelingen von Ratlosigkeit ist das Bewusstsein von der Unmöglichkeit des Gelingens" (Limmat Verlag, Zürich 2014; 22,80 Euro).

Die Hamburger Journalistin Friederike Gräff wiederum hat sich gleich dem allerwichtigsten Phänomen gewidmet, das unsere menschliche Existenz begrenzt: Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands heißt ihr Reportage-Essay, der die diversen Wartesäle des Lebens durchstreift, von der Liebe bis zum Tod (Ch. Links, Berlin 2014; 14,90 Euro). Bewusstseinserweiterung, das ist doch eigentlich immer hilfreich, also auch im Verstehenwollen jener Unmöglichkeit des Gelingens. Also greifen wir zu einem Aufklärer, der 2011 von einem Autofahrer totgefahren wurde: Günter Amendt wusste, dass ein Leben ohne Drogen kaum sinnvoll ist. Legalisieren! versammelt jetzt seine Vorträge für eine befreite Drogenpolitik (Rotpunktverlag, Zürich 2014; 19,90 Euro). Kein Alkohol ist auch keine Lösung: Das weiß der Sinologe Wolfgang Kubin, dessen Schnaps-Essays unter dem Titel Die Geschichte eines Flachmanns eine tröstliche Feier des Rausches sind (Weidle, Bonn 2014; 19,– Euro).

Ausgerechnet in dem Moment, in dem uns letzte Woche ein Verlust beschäftigte, landete ein gelehrtes Taschenbuch auf unserem Schreibtisch: Der Abschied. Theorie der Trauer, geschrieben 1996 vom Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer (Suhrkamp, Berlin 2014; 25,– Euro). "Der Abschied, den die Literatur liebt, impliziert ein Wiedersehen. Wie das Kind hebt die literarische Fantasie die Endgültigkeit des Verschwindens auf." Das klingt so schön, dass wir lieber nicht weiter zitieren, sondern uns an Bohrers Fund erfreuen, ausgerechnet im Stück Pfaueninsel und Glienicke aus Walter Benjamins Berliner Kindheit um 1900: "Funde sind Kindern, was Erwachsenen Siege."