Was im gepflegten Diplomatensprech bisher als "Ukraine-Krise" durchging, ist keine mehr. Der zutreffendere Befund ist: Knapp 1800 Kilometer entfernt von Berlin wächst sich ein bewaffneter Konflikt zu einem dauerhaften Krieg aus.

Im Donbass sind womöglich vier Millionen Menschen bald ohne Trinkwasser, weil bei den Kämpfen Wasserleitungen beschädigt wurden. Tausende sind geflohen. Vergangene Woche schossen prorussische Separatisten ein ukrainisches Militärflugzeug ab, 49 Soldaten starben. Das ist die bislang höchste Opferzahl, aber bei Weitem nicht die einzige: Ukrainischen Angaben zufolge sollen mehr als 250 Zivilisten seit Beginn der Kämpfe ums Leben gekommen sein.

Der neue ukrainische Präsident Petro Poroschenko droht, aber seine Drohungen klingen hilflos. Er werde den "Terrorakt" der Separatisten mit Härte erwidern und womöglich die diplomatischen Beziehungen mit Russland abbrechen. Das kann er – aber den Krieg beenden kann er nicht. Sein Gegner ist eben nicht eine Handvoll Separatisten, sondern auch ein russischer Präsident, der sich mal zu Gesprächen bereit erklärt, dann aber nichts tut. Wladimir Putin ist das Problem und zugleich Teil der Lösung. Ohne ihn, ohne ein echtes Bekenntnis, die Ostukraine stabilisieren zu wollen, ist dieser Krieg nicht zu beenden.

Im März schmissen die prorussischen Demonstranten auf den Straßen in Donezk Knallkörper oder prügelten auf ihre Gegner mit Eisenstangen ein. Schon im Mai waren in der Stadt vereinzelt Männer mit Schrotflinten oder Kalaschnikows zu sehen, dann tauchten bestens ausgestattete Kampfeinheiten auf. In der ehemaligen Geheimdienstzentrale in Donezk trainierten tschetschenische Kämpfer aus Russland Entführungen von Zivilisten. Die Nato zeigt Bilder, die belegen sollen, dass russische Panzer die Grenze zur Ukraine überquert haben.

Die Waffen und die Söldner gelangen in die Ukraine, weil Russland es geschehen lässt. Es wäre Putin möglich, die Grenze zu sichern, Söldner zu verhaften, Waffen beschlagnahmen zu lassen und eine klare Botschaft an die Separatisten zu senden: Sorry, Leute, wir wollen nicht, dass der Osten der Ukraine ein Teil Russlands wird. Vergesst eure Idee von "Neurussland". Hört auf zu kämpfen, handelt Dezentralisierung für eure Regionen und Amnestie für eure Kämpfer aus, und geht heim.

Aber die russische Führung tut, als sei sie nicht verantwortlich. Wer nicht verantwortlich ist, der kann auch nicht zur Verantwortung gezogen werden, das ist das Kalkül.

Die Europäer haben monatelang verhandelt, gedroht und schließlich leichte Sanktionen verhängt. Das war richtig, als man noch an den Erfolg von Verhandlungen glauben konnte: Man musste die Gespräche vorantreiben, durfte sie aber nicht durch ein zu hartes Vorgehen gefährden. Doch wenn die Erfolge dieser Verhandlungen so aussehen, dass im Osten der Ukraine OSZE-Beobachter nach wie vor vermisst werden, dass ein Geheimdienstler aus Russland die Milizen der Separatisten befehligt, dass schwere Waffen über die russische Grenze in die Ukraine gelangen, dann muss man sich eingestehen, dass diese Strategie am Ende ist.