Das Weihnachtsgeschenk, das ein Arzt im Saarland 1987 bekam, sollte ihn jahrzehntelang beschäftigen. Seine Frau hatte ein fünf Zentimeter großes Schädelmodell für ihn erstanden, in einem Trödelladen. Dem heute pensionierten Mediziner fielen an dem steinernen Stück nicht nur der Detailreichtum auf, mit dem es ausgearbeitet war, sondern auch anatomische Besonderheiten. Die Suche nach der Herkunft begann.

Sie führte das Ehepaar zu Experten in Paris, München, Lausanne und London (ZEIT Nr. 40/11). Nach 27 Jahren könnte die Suche nun zu Ende sein. In der jüngsten Ausgabe des Fachjournals Wiener Medizinische Wochenschrift bestätigt der belgische Leonardo-da-Vinci-Forscher Stefaan Missinne die Vermutung, wonach der Schädel aus der Werkstatt des florentinischen Genies stamme. Hergestellt wurde er angeblich zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus einer künstlichen Mixtur, einer "Mistioni". Niemand anderer als Leonardo da Vinci soll solche Mischungen aus Quarz, Gips und anderen Bindematerialien verwendet haben.

Der Schädel zeigt Übereinstimmungen mit Zeichnungen Leonardos, mit dessen "grotesken Köpfen", aber auch mit einer Skizze, in der da Vinci Öffnungen hinter den Augen markierte. Die Löcher im Modell führen den Blick ins Zentrum des Kopfes – dorthin, wo Leonardo den Sitz der Seele lokalisierte. Das Schädelchen, vermutet Missinne, habe dem Genie als "Handschmeichler" gedient: Es lag angenehm in der Hand, diente der Entspannung. Auf welchen Wegen der Beruhiger der Sinne den Weg ins Saarland fand – das herauszufinden dürfte noch einmal Jahrzehnte in Anspruch nehmen.