Im fernen Brasilien bei der Fußball-WM kicken die Mannen des Schweizer Secondo-Teams gerade eine grottenschlechte erste Halbzeit. Jeder aufrechte Eidgenosse sitzt vor dem Fernseher und flucht über den Rückstand gegen Ecuador. Doch in der Aula Unterboden in Obersiggenthal bei Baden sitzen 300 Damen und Herren. Es ist mucksmäuschenstill. Kein Handy klingelt, kein Hüsteln ist zu hören. Andächtig lauscht das Publikum dem Männerchor: "Alles Leben strömt aus dir und durchwallt in tausend Bächen alle Welten."

Es ist ein Abschiedskonzert, der Männerchor Obersiggenthal löst sich auf, nach 131 Jahren. Es ist ein Stück Schweiz, ein Stück Tradition, das hier verschwindet. 1883 gründeten die Obersiggenthaler Männer den Gesangsverein zum Zweck der "Weckung und Wahrung der Vaterlandsliebe". Wie im 19. Jahrhundert üblich, wollte man auch im Aargau mit zahlreichen Vereinen die Geselligkeit und die politische Bildung fördern.

An einem Abend in der Woche, so der Hintergedanke, sollten die Bauern von ihren Höfen, von Vieh und Familie wegkommen: Der Chor als Schule der noch jungen Demokratie – nicht selten wurde ein Chorpräsident später zum Gemeindeammann gewählt. Aber die aufkommenden politischen Parteien machten den Vereinen ihre Stellung streitig. Und spätestens in den Nachkriegsjahren wurde aus dem Chorsingen eine Freizeitbeschäftigung wie viele andere.

Ein Männerchor ist eine Lebensschule: Man lernt, sich in eine Gruppe einzufügen

Am Schluss zählte der Verein noch sieben Mitglieder; obschon man schon seit 30 Jahren Frauen aufnahm, um die fehlenden Tenorstimmen zu ersetzen. Da zog der Vorstand einen Schlussstrich. Er musste einsehen: Die potenziellen Chorsänger, über 40, männlich, Schweizer, sind zu beschäftigt. Probenabende lassen sich kaum mehr in die vollgestopften Agenden quetschen.

"Der Druck in der Arbeitswelt ist groß", sagt Stefan Probst. Der 57-jährige Bankangestellte arbeitet in Zürich, hat vier Kinder und jettet während zehn Wochen pro Jahr in der Weltgeschichte herum. Immer öfter ließ er die Chorprobe für seinen Job sausen. Dabei wäre ihm das Singen wichtig: "Es ist ein guter Ausgleich für die Seele."

Aber der Männerchor Obersiggenthal sollte nicht sang- und klanglos verschwinden. So entschied es Pierre Galley. Der letzte Dirigent und Präsident, ein drahtiger, energischer Pensionär, arbeitet bis zu seiner Pensionierung als Betriebstechniker bei der ABB in Baden. Der 66-Jährige wollte seinen Chor mit Anstand beerdigen. Also trommelte er für das Abschlusskonzert Gastsänger und Ehemalige zusammen. Und damit die Stimmen beim festlichen Abschied die Aula auch erfüllen, trifft sich das Grüppchen an einem Dienstag im Mai zu einer der letzten Proben. Im Halbkreis formieren sich ein Dutzend Sänger, der jüngste ist 45, der älteste 88, vor ihrem Dirigenten: Ganz links drei tiefe Tenöre, in der Mitte stehen drei hohe, daneben drei tiefe und sechs höhere Bässe.

Zur Einstimmung ein kleines Einturnen. Dann schmieren die Sänger ihre Stimmen: "Ma-ma-ma-ma-mam…" Die Tonleiter rauf und wieder runter. "Das M am Schluss auch singen, Männer!", mahnt Galley. Dann dürfen sie sich setzen und singen ein Lied in Zulu: "Siyahamba ekukhanyeni kwenkos ..." (Wir marschieren im Gotteslicht...). Galley kritisiert die tiefen Bässe. "Die Fehler sind harmonisch, das hört niemand", frotzelt einer. Auch Sprücheklopfen gehört zum Vereinsleben.

In der Pause ergreift Kurt Wolf das Wort. Der ehemalige Präsident des Vereins fragt, ob man beim Abschlusskonzert statt wie üblich eine Krawatte als Farbtupfer ein blaues Tuch umhängen soll. Die farbigen Gilets sind nämlich bereits verkauft, und Krawatten hat es zu wenig für alle. "Also solche Tücher an Männern, das geht gar nicht", sagt Lily, die einzige Frau im Chor und die Gattin von Kurt Wolf. Ihr Wort hat Gewicht. Dirigent Galley versucht sie zwar mit einem gespritzten Weißen zu bestechen, weil er die Idee sympathisch findet – aber die Männer hier sind es gewohnt, in Modefragen auf Frauen zu hören. Mit sieben zu vier entscheiden sie sich gegen die Tücher. Punkt abgehakt.

Also, weiter im Takt. Doch die zwei Clowns der Truppe quatschen, anstatt zu singen. "Kann ich euch helfen?", fragt der Dirigent – die Männer schweigen artig. So ein Chor funktioniert wie eine Primarschulklasse: Es gibt die Vorlauten, die Schüchternen, die Seriösen, die Streber und eben die Fensterbänkler, die lieber plaudern statt üben.

Nach der Probe sitzen die Sänger am Stammtisch in der Pizzeria im Einkaufszentrum Markthof. Der Betonklotz, in den frühen siebziger Jahren, noch vor dem Ölschock, aus dem Boden gestampft, dominiert heute das Ortsbild. Das Interieur versprüht den Charme einer traditionellen Landbeiz: mit dem runden Massivholztisch für die Stammgäste, darauf die Mini-Chips-Packungen und Kägi Frets im Bastkörbchen.

Gerade will einer der Männer erzählen, wie er anno dazumal zum Dirigenten wurde, da ruft ein anderer: "Er hat zu schlecht gesungen, da haben wir ihn zum Dirigenten gemacht." Gelächter erfüllt den Raum. Prost. Noch ein Bier. Aber so einfach ist es nicht, erzählt Pierre Galley, der die Abschiedsvorstellung leitet. Als einfaches Mitglied sei er im Chor eingestiegen, doch als er den Taktstock übernehmen sollte, besuchte er zuerst eine Dirigenten-Ausbildung. Ja, er hatte Respekt vor der Aufgabe. "Ich konnte nicht wissen, ob meine Vereinsfreunde plötzlich von mir Befehle akzeptieren würden."

Ein Männerchor, das wird spätestens hier im Markthof nach der zweiten Stange Bier klar, ist auch eine Lebensschule. Kann einer eine Gruppe führen? Kann sich einer in eine Gruppe einfügen? Ist einer loyal? Ist er pünktlich?

Das Liedrepertoire ist gottgefällig – und seit einem halben Jahrhundert dasselbe

In den früheren Jahren des Vereins zahlte man Strafgebühren bei unentschuldigter Abwesenheit von der Probe. Das lässt sich schon lange nicht mehr durchsetzen. Der Männerchor ist aber auch ein Stück Gutbürgerlichkeit. Solide Männer, solide Jobs, solider Aargauer Dialekt. Kein einziges der Mitglieder trägt einen fremdländischen Namen. Und das gesungene Repertoire ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts unangetastet. Schwere Gesänge, die eine Gottgefälligkeit zelebrieren, die uns heute fremd ist. Sie besingen ein schollenverbundenes Volk aus Gotthelf-Romanen und Ueli-der-Knecht-Filmen.

Im Spiel Schweiz gegen Ecuador stehts mittlerweile unentschieden. Der eine oder andere Fußballfan in der Aula schielt verstohlen auf sein Smartphone. Das Konzert neigt sich dem Ende zu. Und nun treten die Teenager vom Jugendchor Kirchdorf auf die Bühne, sie füllen den Saal mit ihren unverbrauchten Stimmen. Ein einziger Junge singt im Kreis von lauter Mädchen.

Dahinter, schon fast in der Kulisse, sitzen auf Plastikstühlen die Obersiggenthaler Männer in ihren weißen Hemden – und schauen in die Rücken ihrer Zukunft. Aber auch der Chornachwuchs ist bereits wieder aus der Zeit gefallen. Er singt die Schnulze Summer nights über die erste Teenagerliebe aus dem Musical Grease – geschrieben im Jahre des Herrn 1971.