Er wagt es. Siemens-Chef Joe Kaeser mischt sich beim französischen Industriekonzern Alstom ein. Aber er tut es nicht allein. Er hat sich mit Shunichi Miyanaga, dem Chef von Mitsubishi Heavy Industries (MHI), aus Japan verbündet. Gemeinsam kontert das Duo das Übernahmeangebot des amerikanischen Branchenprimus General Electric (GE) für den französischen Anbieter von Energie- und Transporttechnik – und das überzeugend.

Damit ist eine neue Runde im Monopoly unter den vier weltweit führenden Anbietern für Energietechnik eingeläutet.

Fast schien es, als würde der finanzstarke US-Konzern den Zuschlag bekommen. Schließlich hatte sich die Führung von Alstom bereits für die Annahme des amerikanischen Angebots ausgesprochen. Dies aber hätte für Siemens und MHI eine noch größere Dominanz der Amerikaner auf den Weltmärkten bedeutet.

Deshalb spielt das deutsch-japanische Duo die politische Karte. Für die Regierung in Paris ist das Schicksal seiner großen Industriekonzerne stets auch eine nationale Angelegenheit. Mit fast allen Mitteln wollen die Politiker einen möglichen Ausverkauf ihrer Industrie verhindern, schließlich ist Alstom als Hersteller des Hochgeschwindigkeitszugs TGV eine nationale Ikone. Das weiß Joe Kaeser sehr genau und nimmt deshalb – zusammen mit den Japanern – bei seinem komplizierten Plan in vielen Details Rücksicht auf die französischen Empfindlichkeiten. Und er hat aus der Historie gelernt. Schließlich ist es genau zehn Jahre her, als sich schon einmal ein Siemens-Chef, Heinrich von Pierer, mit der Idee, einen "Europäischen Champion" zu schaffen, auf den Weg nach Frankreich machte.

Auch damals war Alstom ein Sanierungsfall. Der Staatschef hieß Jacques Chirac und sein Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy. Doch die Franzosen fürchteten die Dominanz des deutschen Partners und entschieden sich für staatliche Hilfen.

Diesmal geht Kaeser umso geschickter vor. Er will nur Teile von Alstom, nämlich das Gasturbinengeschäft übernehmen, dessen Produktionsstätten überwiegend nicht in Frankreich, sondern etwa in der Schweiz und Deutschland liegen. Die anderen Teile der Alstom-Energiesparte sollen durch Joint Ventures mit Mitsubishi gestärkt werden. Und MHI will darüber hinaus als Großaktionär die Eigenständigkeit des französischen Konzerns langfristig absichern. So etwas kommt in Paris gut an.

Darüber hinaus stellt Kaeser, diplomatisch gewieft, den Franzosen in Aussicht, das Siemens-eigene Bahngeschäft (ICE) zu einem späteren Zeitpunkt in einen "Europäischen Champion" unter französischer Führung einzubringen.

Bei den französischen Politikern wie dem glücklosen Staatspräsidenten François Hollande, dessen Industrieminister Arnaud Montebourg bis hin zum Parlament, dürften Kaeser und Miyanaga auf offene Ohren stoßen. Schließlich bliebe in diesem Falle Alstom als Konzern erhalten, gestärkt durch die Milliarden von Siemens und Mitsubishi.

Vor allem Minister Montebourg, ein überzeugter Anhänger staatlicher Industriepolitik, dürfte der deutsch-japanische Vorschlag gefallen. Schließlich ähnelt er der Lösung, welche die Pariser Regierung unlängst zur Stärkung des angeschlagenen Autobauers PSA Peugeot Citroën gefunden hat: Der chinesische Autobauer Dongfeng und der französische Staat finanzierten gemeinsam eine dringend nötige Kapitalerhöhung bei PSA.

Wie das Monopoly um Alstom ausgehen wird, ist offen. Doch Kaeser kann von sich sagen, alles versucht zu haben, um sich gegen GE zu behaupten. Gelingt ihm der Coup, dann wird dies als seine erste Großtat als Konzernchef in die Siemens-Geschichte eingehen. Verliert er, hat er zumindest den Preis für Alstom hochgetrieben.