Das Leben, zumal das Berufsleben, bringt einen mitunter in Lagen, die nicht leicht zu meistern sind – schon gar nicht mit den Werkzeugen der deutschen Sprache. Während der Amerikaner sein Gegenüber stets jovial mit Vornamen und you anspricht ("Dietmar, couldn’t you work out this contract for us?"), erstarrt der Deutsche bei der Anrede in verwirrter Gedankenkontemplation: Ich arbeite zwei Jahre länger in der Firma als mein Kollege, er ist zwei Jahre älter als ich. Darf ich ihm das Du anbieten? Muss ich warten, bis er es tut? Das Du ist zu nah, das Sie zu formal.

Wie gut, dass der Hamburger seinen eigenen, ganz hanseatischen Ausweg gefunden hat: die distanzierte Nähe, das Hamburger Sie. "Dietmar, können Sie mir bitte die Pralinenschachtel reichen?" Das "Dietmar" schafft Vertrauen, das "Sie" schützt vor peinlicher Anbiederung.

"Wann sind wir uns eigentlich das erste Mal begegnet, Peer?", eröffnete Helmut Schmidt ein Gespräch mit Peer Steinbrück, um gleich in der nächsten Frage nachzusetzen: "In welcher Abteilung des Kanzleramtes haben Sie gearbeitet?" Sympathie, aber kein Aufdrängen, das schafft nur das Hamburger Sie. Es dient als respektvoller Mittler, als Verbindung Gleichgesinnter. Und ist damit seinem Pendant, dem Münchner Du ("Frau Meier, kannst du das Putzmittel mitbringen?"), in Form und Moral weit überlegen.