Ganz oben, ganz unten: Noch vor wenigen Wochen wurde der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty herumgereicht wie ein Wunderheiler, jetzt melden sich beinahe im Tagesrhythmus Kritiker zu Wort, die Fehler in seinem Bestseller Kapital im 21. Jahrhundert gefunden haben wollen. Selten sei ein Buch "so überschätzt worden", schrieb auch der ZEIT-Kollege Kolja Rudzio vor zwei Wochen an dieser Stelle. Der als "neuer Marx" gefeierte Piketty habe wie zuvor das Original "viel Murks" produziert.

Es geht um viel: Piketty hat zu zeigen versucht, dass die Dynamik des Kapitalismus den westlichen Demokratien die ökonomische Basis entziehen kann. Weil sich das Vermögen unter bestimmten Voraussetzungen schneller vermehre als der Arbeitslohn, würden die Reichen quasi automatisch immer reicher. Die Gesellschaft drifte auseinander, wenn der Staat sich nicht dem Trend entgegenstelle und große Vermögen stärker besteuere. In linken Kreisen wurde das Buch deshalb als Letztbegründung einer radikalen Umverteilungspolitik gefeiert.

Die liefert es nicht. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Kritiker recht haben.

Sie zweifeln zunächst an der Qualität von Pikettys Daten. Die Financial Times hat ihm vorgeworfen, bei der Zusammenstellung seiner Zahlenkolonnen nicht sauber gearbeitet zu haben und deshalb das Ausmaß der Ungleichheit zu überschätzen. Für Piketty ist das ein schwerwiegender Vorwurf, schließlich sind die von ihm zusammengetragenen Statistiken aus mehreren Jahrhunderten das Herzstück seines Buches. Er hat aber inzwischen eine überzeugende Entgegnung veröffentlicht. Selbst das konservative amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes hält die Kritik für "übertrieben".

Piketty arbeitet mit historischen Daten, die aus einer Vielzahl von Quellen stammen und aufbereitet werden müssen, um sie handhabbar zu machen. Ein Problem wäre das, wenn ihm dabei ein grober Schnitzer unterlaufen wäre oder wenn er das Rohmaterial systematisch so verformt hätte, dass es seine These stützt. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, und dieser Befund ist auch plausibel. Es gibt eine Vielzahl von Studien zur Verteilung von Einkommen und Vermögen – und obwohl sich die Ergebnisse im Detail erheblich unterscheiden, geht doch aus den allermeisten Untersuchungen hervor, dass die Ungleichheit in der westlichen Welt in den vergangenen Dekaden zugenommen hat.

Nun sagt das für sich genommen wenig über die Lebensverhältnisse aus. Der Staat greift schließlich auch heute schon in das Marktgeschehen ein und verteilt Einkommen um: Die Reichen müssen höhere Steuern bezahlen, und die Armen erhalten Transferleistungen. Dadurch sinkt die Ungleichheit, was dem Auseinanderdriften der am Markt erzielten Einkommen entgegenwirkt.

Das ändert das Bild aber in den meisten Fällen nicht. Entscheidend ist ja nur, welcher Effekt am Ende überwiegt: die Marktdynamik oder die staatliche Korrektur. Der Internationale Währungsfonds kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass auch die "Nettoungleichheit" zugenommen habe, weil die staatliche Umverteilung "nicht Schritt halten konnte mit dem Anstieg der Ungleichheit der Marktergebnisse".

Kolja Rudzio verweist in diesem Zusammenhang auf eine Analyse der Industrieländer-Organisation OECD, wonach in den USA die Einkommen nach Umverteilung im Jahr 2009 genauso ungleich verteilt gewesen sind wie Mitte der 1980er Jahre. Das würde also bedeuten, dass sich die dortige Lage überhaupt nicht verschlechtert hat. Der Vergleich ist aber wenig aussagekräftig, denn erstens stieg die Ungleichheit gerade zu Beginn der 1980er Jahre kräftig, und zweitens war das Jahr 2009 noch geprägt von den Auswirkungen der Finanzkrise. Damals schloss sich die Schere zwischen Arm und Reich vorübergehend, weil der Staat die Geringverdiener stützte und der Crash an den Börsen die Einnahmen der Reichen dezimierte.

Inzwischen hat sich die Situation an den Aktienmärkten jedoch wieder normalisiert – und die Einkommen driften prompt wieder auseinander. Die OECD schreibt in derselben Studie, dass die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in den USA über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet "erheblich zugenommen" habe.

Aber warum? Piketty begründet den Anstieg mit der von ihm über viele Jahrhunderte hinweg beobachteten Tendenz, dass Kapital mehr Rendite abwirft als Arbeit. Mathematisch formuliert: r > g. Der Sachverhalt ist unter Ökonomen nicht umstritten und entspricht der vorherrschenden volkswirtschaftlichen Theorie. Skeptiker wie der Harvard-Ökonom Martin Feldstein glauben dennoch, an dieser Stelle eine offene Flanke in Pikettys Ausführungen ausgemacht zu haben.

Streng genommen vermehrt sich ja nur der Teil des Vermögens mit der Rate r, der auch tatsächlich angelegt wird. In der Regel aber geben auch Superreiche einen Teil ihres Geld aus. Sie spenden es oder kaufen sich dafür Wohnungen oder Jachten – und damit nimmt ihr Vermögen nicht so schnell zu.

Ein Beispiel: Wer 1000 Euro anlegt, hat bei einer Rendite von 20 Prozent nach einem Jahr 1200 Euro. Das Vermögen hat sich um die Kapitalrendite vermehrt. Wer aber von den 1000 Euro nur 900 anlegt, der kann lediglich über 1080 Euro verfügen. Damit bleibt trotz einer Rendite von 20 Prozent nur ein Plus von acht Prozent übrig. Aus der Höhe der Kapitalrendite lässt sich also nicht eindeutig ableiten, mit welcher Geschwindigkeit sich das Vermögen vermehrt. Doch das hat Piketty, anders als seine Kritiker unterstellen, auch nicht behauptet. Ob das Vermögen schneller oder langsamer wächst als Löhne und Gehälter, hängt seiner Ansicht nach von den historischen Umständen ab – und lässt sich messen.

Im 19. Jahrhundert waren nach Pikettys Analysen die Kapitalrenditen sehr hoch, die Arbeitsrenditen sehr gering und die Vermögen so groß, dass nur ein kleiner Teil ausgegeben werden musste. Deshalb wurden die Vermögensbesitzer tatsächlich schneller reich als die Arbeitnehmer. Und Piketty glaubt, Indizien dafür ausgemacht zu haben, dass im 21. Jahrhundert eine ähnliche Entwicklung droht. Diese Prognose kann man für plausibel halten oder nicht – legitim ist sie allemal.

Der Umgang mit der vermeintlichen Weltformel offenbart ein wiederkehrendes Muster in der Piketty-Kritik: Sie setzt sich oft nicht mit den Argumenten auseinander, sondern arbeitet sich an einer Karikatur derselben ab. Piketty ist daran nicht unschuldig: Sein Buch ist eine Zumutung. Es fehlt eine klare Struktur, die verwendeten Begriffe sind nicht immer eindeutig definiert – und insbesondere die Bedeutung der bereits existierenden staatlichen Umverteilung arbeitet er nicht klar genug heraus. So entsteht an verschiedenen Stellen der Eindruck, der Autor sei nicht auf der Höhe der Diskussion.

Diese Schwächen entwerten aber nicht die Ergebnisse seiner Forschung. Piketty hat aufgezeigt, wie die Konzentration von Vermögen zur Verfestigung der Ungleichheit beitragen kann. Damit liefert er Antworten auf alte Fragen und wirft zugleich neue auf. Und genau darum geht es in der Wissenschaft.