Das erste Mal habe ich Yasmina vor acht oder neun Jahren gesehen, als sie im 19. Stock des Springer-Hochhauses den Welt- Literaturpreis bekam. Ich kannte ihre Stücke noch nicht, ich wusste nur, dass sie auf Fotos sehr gut aussah – jüdisch, französisch, aber auch ein bisschen seltsam mit dem großen Mund und dem kleinen Kinn –, und nachdem sie mich, den Fremden, am Buffet eine Sekunde zu lang angeschaut hatte, bekam ich kurz bessere Laune als sonst. Yasmina war schon damals auf diese Art bekannt, die an stille, beharrliche Heiligenverehrung erinnerte, und als ich nach dem Welt- Abend anfing, ihre Sachen zu lesen, verstand ich überhaupt nicht, warum. Die Figuren, die sie erfindet, dachte ich, sind genauso verzagt und verlogen, unsicher und kleinbürgerlich wie die Yasmina-Reza-Bewunderer selbst, und eigentlich müssten sie sich in ihnen wiedererkennen und Yasmina dafür sehr böse sein. Oder glauben sie, das seien nicht sie, sondern alle anderen?

Jahre später, 2012, wurde im Deutschen Theater ihr neues Stück uraufgeführt. Wenn sie kommt, dachte ich, muss ich sie treffen und mit ihr darüber reden, was sie von ihren falschen Bewunderern hält. Ein paar Stunden vor der Premiere saßen wir dann auf weißen, billigen Plastikstühlen im kalten, grauen Atrium des Hotels Albrechtshof. Ob wir wirklich über ihr Publikum gesprochen hatten, weiß ich nicht mehr, ich kann mich auch nicht erinnern, ob ich sie gefragt hatte, warum sie ausgerechnet in Deutschland so geliebt wird wie sonst nur in Frankreich. Ich weiß bloß, dass am Nebentisch ihre schüchterne, nicht wirklich freundliche Assistentin saß und aufpasste, und als ich sie fragte, ob ich Yasmina zur Premiere begleiten dürfe, sagte sie Nein. Yasmina sagte, dann könne sie auch nichts machen, aber kurz danach schrieb sie mir aus Paris eine schrecklich nette E-Mail und wollte wissen, ob ich das Stück doch noch gesehen hätte. Ja, schrieb ich zurück, toller Text, schlimme Inszenierung, mit einer berühmten deutschen Schauspielerin in der Hauptrolle, die immer nur gebrüllt und eine berühmte deutsche Schauspielerin gespielt habe, die brüllt. Sie habe das, antwortete Yasmina, ähnlich gesehen, aber den Leuten vom Theater lieber nicht gesagt. Genauso, dachte ich, hätte es auch eine dieser bigotten Yasmina-Reza-Figuren gemacht, sie hätte erst ihre Enttäuschung versteckt und ihren Ärger später umso mehr ausgelebt.

Vor ein paar Wochen war Yasmina wieder in Berlin, Schaubühne, Saal A, Verleihung des Kythera-Preises, den man für gutes Betragen als Franzose in Deutschland – oder umgekehrt – bekommt. Ich ging mit Lara hin, und wir mochten uns an diesem Tag, so wie an jedem Tag, noch ein bisschen mehr als davor. Außer uns waren lauter ernste, wichtige Menschen da, erkannt haben wir aber eigentlich nur Egon Bahr und den Pressesprecher der Kanzlerin. Die Männer hatten alle einen Anzug oder wenigstens ein Jackett an, viele Frauen trugen, obwohl es erst sechs war, dunkle Abendkleider und sehr hohe Schuhe. Am besten sah Gabriele Henkel aus, die Millionärin und Sammlerin – schwarzer Blazer mit weißem Einstecktuch, Frisur wie ein blonder Orkan, fingerlose Handschuhe aus schwarzer Spitze –, und erst als Yasmina sich zu ihr, der Preisstifterin, in den Rollstuhl hinunterbeugte, um sie zu umarmen, bemerkte man, wie schwer der 82-Jährigen inzwischen jede Bewegung fiel. Das war der einzige authentische Moment im Saal A. Sonst war alles wie immer bei Preisverleihungen, giftig, herzlich, ohne einen Funken von Selbstreflexion. Es gab eine zu lange, langweilige Rede von Michael Krüger, dem alten Hanser-Chef, der sagte, das Tolle an Yasmina sei ihre völlige Heimat- und Wurzellosigkeit – was man über Juden eben so sagt. Yasmina dankte ihm sehr freundlich und lächelte bedrohlich mit ihrem sehr großen Mund, und dann hielt sie eine Rede, die auch nicht gerade präzise und aufrichtig war. Sie freue sich, erklärte sie, über diesen Preis aus Deutschland, denn für ihre Familie sei die deutsche Kultur immer ein Synonym für den Himmel auf Erden gewesen, oder so ähnlich, und als ich und Lara hinterher kurz mit ihr redeten, sagte sie: "Na ja, für meine Familie schon, aber nicht für mich!" Und bevor ich Yasmina fragen konnte, wie sie die Sache mit der Wurzellosigkeit fand, sagte sie: "Was glaubt er? Dass ich ein Blatt bin, das vom Wind hin und her geweht wird, bis es verschwunden und vergessen ist?" Das hatte sie in ihrer Dankesrede aber so nicht gesagt, und ich dachte, dass es in Yasminas Stücken vielleicht mehr um sie selbst und ihre kleinen Menschenängste und Fehler geht, als man glaubt, wenn man in ihr wie ein Herz geschnittenes, offenes, nachdenkliches Gesicht blickt.