Im Laufe seines Lebens entwickelt sich der Mensch weiter. Erst stolpert er, dann läuft er Marathon. Erst stammelt er, dann formt er ganze Sätze. Doch sobald es ums Essen geht, degeneriert der Mensch: Können Kleinkinder noch mitteilen, was ihnen schmeckt ("Will Eis haben!) und was nicht ("Bäh, mag Spinat nicht!"), sind viele Erwachsene damit offenbar überfordert. Deswegen gibt es Sommeliers.

Den Sommelier kennt man vom Wein. Er hilft, wenn man nicht weiß, ob einem der Wein schmeckt oder nicht. Oder wenn man fürchtet, eine Korknote zu übersehen. Sommeliers ziehen ihre Daseinsberechtigung aus dem Umstand, dass viele Kunden glauben, bei Wein unheimlich viel falsch machen zu können. Wer seine Entscheidung an den Sommelier delegiert, muss sich für seine Ahnungslosigkeit hinterher nicht rechtfertigen.

Eine Leserin aus Österreich wies nun auf interessante Auswüchse des Sommelierwesens hin: Bei ihr daheim treten Käse-Sommeliers, Fleisch-Sommeliers und Brot-Sommeliers auf – sogar in Supermärkten. Hierzulande wurden auch schon "Wasser-Sommeliers" beobachtet. Als sei niemand mehr in der Lage, einfachste Grundnahrungsmittel zu beurteilen. Und was tun, wenn die Empfehlung des Wasser-Sommeliers mal nicht mit der des Brot- oder Käse-Sommeliers harmoniert?

Natürlich wird derlei erst möglich durch den Riesenzirkus, den Hersteller um ihre Produkte veranstalten. So wie beim Wein: Sind die Kunden ob des Komplexitätsgrads, der Aromenvielfalt und einer vermeintlich nur durch höchste Kennerschaft zu erlangenden Urteilsbefugnis erst einmal eingeschüchtert, steigt deren Zahlungsbereitschaft rapide an. Deswegen gibt es Sommeliers: Um das selbst angerichtete Chaos wieder zu ordnen.