Als Mark Carney vor einem Jahr von Ottawa nach London zog, um die Führung der britischen Zentralbank zu übernehmen, wird der Kanadier gewusst haben, dass Geldpolitik in Großbritannien mehr erfordert als bloßen ökonomischen Sachverstand. Im Land von William Shakespeare setzt jedes öffentliche Amt auch ein gewisses schauspielerisches Talent voraus. Politik bedeutet Theater. Man denke nur an das pompöse Zeremoniell der jährlichen Thronrede, bei dem die Queen in einer goldenen Kutsche zum Parlamentsgebäude fährt, um dann mit ihrer schweren Krone auf dem Kopf und einer meterlangen Pelzschleppe um die Schultern zu ihrem Thron zu schreiten und die Gesetzespläne der Regierung zu verkünden.

Mark Carney muss einmal im Jahr einen Smoking anziehen, um im prunkvollen Londoner Mansion House eine Rede zu halten. Was er in diesen zwanzig Minuten sagt, könnte er genauso gut im Rahmen seiner monatlichen Pressekonferenz mitteilen, aber weil er es eben im Mansion House sagt, hat es mehr Gewicht. In diesem Jahr hat Carney die klassische Rolle des "Diabolos", des Verwirrers, gewählt. Im Herbst noch hatte der Zentralbankchef eine Zinserhöhung an die Entwicklung der Inflation und der Arbeitslosenquote gekoppelt. Dann stellte er fest, dass ihn das früher als gedacht in Zugzwang bringen könnte, und ließ die Märkte fortan lieber im Glauben, eine Zinserhöhung stehe erst Mitte 2015 an. Im Mansion House erklärte er nun, der wirtschaftliche Rahmen könne "viel früher zu einer Leitzinsänderung führen, als die Märkte dies erwarten."

In der City of London scheinen Carneys Volten niemanden zu irritieren. "Es ist ja nun mal keine genaue Wissenschaft", sagt ein Banker, der Carneys Rede zuhörte. "Aber wissen Sie, dass er eine fertig gebundene Fliege zu seinem Smoking getragen hat? Das war eine Überraschung. Fliegen sind doch viel besser, wenn sie selbst gebunden sind."