DIE ZEIT: Herr Moser, seit 25 Jahren erklären Sie den Schweizern in Ihrer Fernsehsendung die Natur. Wie hat sich unser Verhältnis zu Flora und Fauna in dieser Zeit verändert?

Andreas Moser: Es gab einen großen Wandel. In den achtziger Jahren war die Ökologiebewegung stark, die Schweizer waren sensibilisiert für Naturthemen. Da spielten auch traumatische Ereignisse eine Rolle wie der Großbrand im Sandoz-Werk in Schweizerhalle oder die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. In den Neunzigern – eigentlich bis heute – wurden die ökologischen Themen von einer extrem wirtschaftsorientierten Sichtweise überlagert.

ZEIT: Heute sprechen doch alle von "biologisch" und "nachhaltig"?

Moser: Biologisch produzierte Lebensmittel sind selbstverständlich geworden. Im Unterschied zu früher ist unsere Gesellschaft jedoch viel egoistischer geworden. Immer geht es um die Frage: Was bringt es mir? Was muss ich dafür bezahlen?

ZEIT: Im Gegensatz zu den weltbekannten Naturfilmen der BBC oder National Geographic ist Ihre Sendung Netz Natur recht unspektakulär. Trotzdem ist sie ein Quotenrenner im Schweizer Fernsehen. Wieso?

Moser: Für unsere Sendung dürfen die Kinder länger aufbleiben. Ich war kürzlich mit einer Bekannten in Bern unterwegs. In einem Restaurant wurden wir von einer sehr aufmerksamen jungen Dame bedient. Am Schluss, als ich zahlte, sagte sie: "Gäll, Sie sind doch der Herr Moser?" Dann erzählte sie, wie sie über unsere Sendung das Interesse an der Natur entdeckt und darum Biologie studiert habe.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Sie sind der helvetische Bernhard Grzimek.

Moser: Nein! Da wehre ich mich entschieden! Bei mir sitzt nie ein Affe auf der Schulter, und ich sage auch nie: "Hier unten sehen Sie meine Kontonummer." (ahmt die Stimme von Grzimek nach) Das ist nicht die Art, wie wir Natur vermitteln wollen.

ZEIT: Was ist denn Ihre Mission?

Moser: Ich fühle mich nicht als Missionar. Ich bin ein Vermittler. Ich möchte den Menschen etwas dafür zurückgeben, dass sie viele Hunderttausend Franken Steuergelder in meine Ausbildung an der Universität investiert haben. Viele dieser Menschen haben weniger interessante Jobs als ich, sie sitzen am Bankschalter oder an der Migros-Kasse.

ZEIT: Wollen Sie mit Ihrer Arbeit nichts bewirken?

Moser: Ich lasse mich politisch nicht gern einordnen, aber ich sage immer: Ich bin so etwas wie ein praktizierender Sozialist. Ich versuche vieles zu teilen, vor allem mein Wissen über das Verhältnis von Mensch und Natur, das ja keineswegs harmonisch ist.

ZEIT: Wir dachten eher, Sie würden sich als Anwalt der Tiere und Pflanzen verstehen.

Moser: Ich fühle mich dieser Gesellschaft verpflichtet, den kommenden Generationen. Da tragen wir heute eine große Verantwortung, auch gegenüber der Natur und unseren Mitlebewesen.

ZEIT: Also, was wollen Sie dem Banker und der Migros-Kassiererin vermitteln?

Moser: Ganz banal: das Wunder des Lebens. Eine Fliege, die an der Decke landet. So perfekt konnte das bis heute kein Ingenieur der Welt konstruieren. Dass die Fliege das kann, ist so unglaublich faszinierend – und seit ich begriffen habe, wie komplex dieses Lebewesen ist, flößt es mir ungemein viel Respekt ein.

ZEIT: Eine Stubenfliege ist Respekt einflößend?

Moser: Ja. Vor allem die Tatsache, dass sie lebt! Eine schnelle Handbewegung reicht, um dieses lebende Wesen in ein Häuflein organische Materie zu verwandeln, die einfach zerfällt. Dieses Phänomen und die Frage, was Leben ausmacht, haben bis heute weder eine Religion noch eine Wissenschaft wirklich erklärt. Das weckt in mir Ehrfurcht.

ZEIT: Andere, die derart von ihren Überzeugungen angetrieben sind, gehen in die Politik oder gründen eine Umweltschutzorganisation. Sie aber arbeiten beim Fernsehen.

Moser: Wir zeigen Dinge, vermitteln Fakten. Aber wir bieten keine Lösungen. In der nächsten Sendung zeigen wir einen Film über den roten Thunfisch. Riesige Fische, bis zu vier Meter lang, 700 Kilo schwere Giganten des Meers. Der Rote Thu ist weltweit der beliebteste für Sushi. Da steckt ein Millionenbusiness dahinter, zum Teil mit mafiösen Strukturen, riesige Manipulationen. Man ist auf dem Weg, diese Fischart auszurotten. Mit offenen Augen!

ZEIT: Herr Moser, jetzt klingen Sie wie ein Aktivist.

Moser: Kürzlich hat mich Greenpeace angerufen, weil ihnen gefallen hat, wie wir über Pestizide berichtet haben. Ich habe ihnen gesagt: Es kann sein, dass wir mit unseren Recherchen zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Aber ich bin der Konzession der SRG verpflichtet, wir machen unsere eigenen, unabhängigen Recherchen, und es kommen alle Seiten zu Wort. Diese Unabhängigkeit ist unser höchstes Gut.